
Wittlinge – Die Anemonenfische des Nordens

Das Foto macht schnell klar das der Titel nichts mit der Färbung des Wittlings zu tun hat - schlichter geht es kaum!
Eigentlich ist der Wittling (Merlangius merlangus) ein
ziemlich unauffälliger Fisch. Man kann ihn leicht mit dem Köhler (Seelachs)
verwechseln und auch Pollack, Zwergdorsch und manchmal auch der Dorsch sehen ihm
recht ähnlich – kurz ein Fisch an dem man vermutlich vorbeischwimmen würde,
sobald andere Meerestiere in der Nähe die Aufmerksamkeit erregen. Aber der
Wittling ist ein ganz besonderer Fisch!
Je nach Wassertemperatur laichen die
Wittlinge in großen Gruppen zwischen Januar und
Juli, zumeist aber im März und April. Die Eier werden ins Wasser
abgegeben und die daraus schlüpfenden Larven leben ebenfalls pelagisch (d.h. in
den freien Wasserschichten, fernab des Bodens – so wie die meisten Larven, als Teil des
tierischen Planktons, des Zooplanktons).
Soweit ist dies ja noch nicht
sehr spannend, aber bereits mit einer Länge von wenigen Millimetern tun die
winzigen Fische nun etwas ungewöhnliches, was die Larven fast aller anderen
Fischarten tunlichst vermeiden sollten (Ausnahmen sind die Larven der
Bastardmakrele und des Schellfisches): Sie suchen Schutz zwischen den langen Nesseln der
Gelben Haarqualle, allgemein wohl besser bekannt als Feuerquallen (cyanea
capillata), mit der viele Taucher und Badegäste in jedem Sommer unerfreuliche
Bekanntschaften in Nord- und Ostsee machen!

Dieser Wittling ist bereits einige Zentimeter lang und wird bald den Schutz der Qualle verlassen - noch fühlt er sich über dem Schirm recht sicher!
Diese Nesselqualle
(Engl.: Lion’s mane jellyfish – „Löwenmähnenqualle“) kann in arktischen Gewässern
einen Schirmdurchmesser von bis zu zwei Metern erreichen und die Nesselfäden können
gar bis zu 30 Meter lang werden. Das Gift lähmt und tötet die Beute - Zooplankton
und kleine Fische.
Auch für den Menschen kann es unangenehme, oder im
seltenen Extremfall
tödliche Folgen haben. Ein beißender, schneidender und brennender Schmerz,
besonders im Gesicht, ist bei Kontakt normal. Gefährlich wird es für Menschen
mit allergischer Reaktion und Kleinkinder. Ebenso ist mir ein Todesfall in
diesem Zusammenhang zu Ohren gekommen der sich in der Ostsee ereignet haben
soll: Beim Üben des Atemreglerwechsels, bzw. vom Hauptregler
auf den Oktopus „verschluckte“ ein Taucher scheinbar nicht unerhebliche Mengen
von Nesseln, die sich unbemerkt am Mundstück des Atemreglers festgesetzt hatten.
Eine Kombination aus Panik und einem Dichtschwellen der Luftröhre führten dann
scheinbar zu einem Unfall mit Todesfolge.

Die Gelbe Haarqualle erreicht in nordischen Gewässern beeindruckende Ausmaße. Hier ein Exemplar ohne Wittlinge in Mittelnorwegen.
Ich persönlich habe
auch schon verschiedenste negative Erfahrungen mit den glibberigen Meerestieren
gemacht. Besonders in der Ostsee, bei schlechter Sicht und viel Strömung ist im
Sommer ein Kontakt mit den Nesseln kaum vermeidbar. Unangenehm ist es wenn Nesseln über die
Lippen streifen, ein wenig kann es sich im ersten Moment
anfühlen wie eine scharfe Klingen und brennen tut es noch stunden später. An Händen, und überall sonst wo die haut
etwas dicker und härter ist, können die Nesselkapseln scheinbar kaum spürbare Wirkung erreichen – jedenfalls habe ich noch nie
Probleme gehabt wenn ich z.B. dick mit Tentakeln behangene Ankerleinen ohne Handschuhe gezogen habe.
Dennoch hatte ich in diesem Zusammenhang auch einmal
eine unangenehme Erfahrung zu machen: An einem sonnigen Tag auf der Ostsee hatte
ich einen Sinker von einem Wrack hochgezogen. Die leine war kaum noch unter den
gelb-transparenten Quellententakeln zu erkennen gewesen, was aber an Händen und
Armen ohne folgen blieb.
Stunden später wischte ich mir unbewusst mit einem Finger das Auge.
Die Folgen waren
sehr unangenehm. Das Nesselgift war, obwohl komplett getrocknet, aktiv und reagierte an den feuchten und
empfindlichen Augenschleimhäuten sofort! Etwa zwei Stunden schossen mir Tränen in
die Augen und ich konnte kaum etwas erkennen. Alles waschen und wischen half
nichts (vermutlich verschlimmerte es die Sache noch!). Dann trat schnell Besserung ein, die
Erinnerung lässt mich aber auch heute noch ziemlich vorsichtig
mit dem Thema Feuerqualle umgehen!


Je kleiner die Wittlinge sind, desto mehr von ihnen sieht man zusammen bei einer Qualle. Manchmal bilden sie hier regelrechte Schwärme!
Nach dieser kleinen Exkursion können sich nun vermutlich auch
Nichttaucher/-schwimmer ein Bild von
der schönen, aber auch unangenehmen Qualle machen, die den kleinen Wittlingen
wirksam als Bodyguard gegen Fressfeinde (und das ist in diesem Stadium noch fast
jeder Meeresfisch!) dient.
Der Qualle ihrerseits dient das Nesselgift
natürlich auch als wirksamer Schutz gegen Feine, in erster Linie aber zum
betäuben, oder sogar töten von Beute. Die gelbe Haarqualle ernährt sich auch von
Zooplankton und von der Größe her, würden viele der kleinen Fische eigentlich
wunderbar auf ihren Speiseplan passen. Gefangene und bewegungsunfähige Garnelen,
Fischlarven, kleinere Quallen, usw. werden von den Tentakeln umschlossen und zur
Verdauung unter den Schirm gezogen.


Erwachsene Wittlinge in Südnorwegen. Nachts tragen sie am Boden oft Flecken zur Tarnung (Foto rechts).
Die Quallen treten etwa zeitgleich mit den Wittlingslarven auf und wachsen sehr schnell. Unter dem Schirm einer Qualle finden zumeist mehrere Wittlinge Schutz, manchmal mehrere dutzend. Die Fischlein variieren in der Länge zwischen wenigen Millimetern und maximal etwa 10 Zentimetern, dann spätestens sind sie gezwungen den Schutz zu verlassen, da sie am Boden nach größerer Beute jagen müssen. Bis dahin entfernen sich die Fische nur wenige Meter von den schützenden Nesseln um nach Plankton zu schnappen und flüchten bei Gefahr blitzschnell unter den Schirm. Hier sind sie vor jedem Räuber sicher!

Ein ungewöhnlich großer Wittling im Schutz der Tentakeln im Spätsommer in Mittelnorwegen.
In den klaren Gewässern Norwegens ist es mit etwas Geschick möglich, sich den Quallen von der Strömungsseite her zu nähern. Die Tentakeln, mit den daran befindlichen Nesselgiftkapseln, treiben dann mit der Strömung vom Taucher weg und sind keine Gefahr. So kann man die jungen Wittlinge (wenn sie denn vorhanden sind, was natürlich nicht bei jeder Qualle der Fall ist!) dann gefahrlos beobachten und fotografieren. Dennoch bleibt besonders das Fotografieren schwierig, da man immer ein Auge für den Sucher und eines für die Tentakeln haben sollte! Schnell ist man im Eifer des Gefechts auf die falsche Seite geraten, oder die Qualle selbst verändert ihre Lage mit einigen kräftigen Pumpbewegungen des Schirms!

Wittlinge im Herbst in der westlichen Ostsee bei einem Nachttauchgang. Rechts ist die Maserung gut zu erkennen, auch markant sind die weißen Flossenränder.
Im Herbst sterben
viele Quallen und die meisten Wittlinge verlassen sie nun. Sie begeben sich zum
Meeresboden, wo sie in Tiefen zwischen etwa 10 und 200 Metern nun Jagd auf
kleinere Fische machen – aber auch sie selbst sind nun Gejagte und ohne Schutz!
Wittlinge treten
meistens in Schwärmen auf und werden in nordischen Gewässern bis zu 55
Zentimetern lang (in der Ostsee meistens nur bis 40 cm). Sie verfügen über ein Gebiss mit vielen kleinen,
aber spitzen Zähnen und sind sehr gierig. Wenn Wittlinge in
der Gegend sind, so fängt man sie normalerweise recht leicht mit der Angel. Das
Fleisch ist weiß (Engl.: Whiting – der Name bezieht sich auf die helle Fleischfarbe)
und sehr schmackhaft!
Die wenigsten Angler werden jedoch ahnen das der Fisch, den sie dort gerade auf dem Teller liegen haben einen Teil seines Lebens im Schutze einer Qualle verbracht hat - ähnlich der bekannten Anemonenfische in südlichen Gewässern!
Unten sind noch zwei Fotos junger Wittlinge in Mittelnorwegen zu sehen. Sie wühlen sich oft regelrecht in die Tentakeln, wenn man sich ihnen nähert!
