Norwegen in einer Stunde
Nacktschnecken, Seenelken und Ostsee Premium am Oslofjord

Text und Fotos Sven Gust (tauchprojekt.de) 2008

 

Der Billigflieger machts möglich: Nach einer Stunde und fünf Minuten Flugzeit von Bremen aus (in dem zugegeben etwas engen Sitz) landet die Ryanair Maschine auf dem Flughafen Torp bei Sandefjord, etwa 100 Kilometer südlich der norwegischen Hauptstadt Oslo am äußeren Oslofjord. Knapp 45 Euro hat der Flug insgesamt gekostet und ich erhoffe mir einige schöne Tauchtage von Donnerstag bis Sonntag.
Es ist etwa 17 Uhr an diesem Mittwoch und wie versprochen holt mich Marius vom Larvik Dykkeklubb ab und bringt mich zum Clubhaus, in dem wir die nächsten Tage die Zeit zwischen den Tauchgängen verbringen werden. Es sind einige Taucher verschiedener Clubs in der Umgebung (wohl kaum sonst irgendwo in Norwegen teilen sich so viele Tauchclubs ein so kleines Revier), welche an diesem verlängerten Tauchwochenende teilnehmen. Ich kenne bisher weder sie, noch das Tauchgebiet und bin sehr gespannt was die nächsten Tage bringen werden!

Ostsee Premium

Nicht gerade das beste Tauchgebiet Norwegens, aber.... Wir sind ja von der heimischen Ostsee nicht gerade verwöhnt, deshalb stellt ein Tauchgang im Oslofjord im Vergleich hierzu eine mehr als gute Alternative dar!
Wer schon im Kleinen Belt in Dänemark getaucht hat und dies genossen hat, der wird keinesfalls enttäuscht sein an den oft strömungsreichen und reichlich mit Anemonen, Schwämmen, Moostierchen, Weichkorallen und solitären Steinkorallen besiedelten Tauchplätzen im Oslofjord seine Freude haben.

Teures Pflaster, aber.... Norwegen ist das teuerste Land Europas, Oslo sogar die teuerste Stadt der Welt. Dementsprechend kann man nicht behaupten Tauchen sei hier günstig. Trotzdem ist es durchaus möglich für höchstens die gleichen Kosten, wie man sie auch beispielsweise am Roten Meer für einen Tauchgang aufwenden müsste, abzutauchen.
Man sollte sich an einen der lokalen Tauchclubs wenden und nach den bestehenden Möglichkeiten fragen. Natürlich wird hier nicht unbedingt auf solche Anfragen gewartet, aber in den meisten Fällen wird man freundliche Auskünfte bekommen und besonders wenn die Clubs Gemeinschaftsaktivitäten organisieren, sind Gäste allgemein willkommen.

Wetter ist Glückssache.... Besonders im Winter kann man natürlich nicht immer mit gutem Wetter rechnen. Wenn es stürmt, schneit, oder regnet macht das Tauchen natürlich weniger Spaß. Durch die zahlreichen vorgelagerten Inseln findet man zwar eigentlich immer einen geschützten und sicheren Tauchplatz, dennoch können die Sichtweiten dann auch hier gegen Null gehen und auch noch Tage später stark eingeschränkt sein.
Ist das Wetter gut, so ist die Auswahl an Tauchplätzen groß und die Sichtweiten liegen bei etwa fünf bis zwanzig Metern. Ein Trocki und wetterfeste Kleidung sind sicherlich das ganze Jahr über empfehlenswert.

Viele Clubs und viele Taucher.... Südnorwegen ist dicht besiedelt (jedenfalls verglichen mit dem Rest des Landes) und der größte Teil der norwegischen Taucher besucht an den Wochenenden die Tauchplätze im Oslofjord.
Dementsprechend finden sich hier auch besonders viele Tauchclubs und wohl fast jeder Taucher hier ist Mitglied in mindestens einem dieser Clubs, manchmal sogar auch gleich in zwei oder drei. Die Clubs bieten Füllmöglichkeiten, Aktivitäten, Boote, manchmal sogar einen Kutter und tragbare Kompressoren, welche man mit an den Tauchplatz nehmen kann.
Auch Nichtmitglieder können hier Flaschen füllen lassen und an Touren teilnehmen. Zwar sind die Preise höher als für Mitglieder, jedoch verglichen mit gewerblichen Tauchbasen, noch immer moderat.

Land und Leute und so weiter.... Norwegen ist ein großes Land mit gewaltiger Küste. Die meisten Skandinavier sprechen recht gut Englisch, sind recht hilfsbereit und ehrlich. Es hängt natürlich auch davon ab wie man sich selbst verhält und einige Brocken Norwegisch zu erlernen kann sicherlich nicht schaden.
Währung ist die Norwegische Krone (Ein Euro sind knapp acht Kronen) und das Preisniveau ist sehr hoch. Auch wenn Norwegen nicht zur EU gehört ist die Einreise unproblematisch, lediglich an die Zollbestimmungen sollte man sich unbedingt halten. Alkohol und Tabak sind besonders teuer, aber auch Fleisch, Fisch, Südfrüchte und Restaurantbesuche erscheinen sehr teuer, verglichen mit den deutschen Preisen.
Nicht vergessen darf man aber eben auch, dass man sich hier eben nicht einem Schwellen-, oder Dritte Welt Land befindet - wie es ja sonst viele Taucher im Urlaub gewohnt sind.
Die hohen Steuereinnahmen dienen beispielsweise auch dafür ein Sozialsystem zu finanzieren, wie es weltweit wohl kaum ein besseres geben dürfte!

Das Wetter meinte es gut mit uns als wir den Tauchplatz Løvøya, südlich von Horten erreichten. Deutlich konnte man die Strömung unter der Brücke erkennen, welche das grüne Wasser zwischen den Brückenpfeilern hindurch drückte. Kleine Strudel entstanden hinter den Pfeilern. Angler standen auf der Brücke und entlang des Felsufers.
Wir gingen zum Einstieg und Marius und Lars erklärten mir in einer Mischung aus Englisch und Norwegisch die Besonderheiten dieses Tauchplatzes und wie wir den ersten Tauchgang hier durchführen wollten: "You see the strøm comes from there", deutete Marius in Richtung Brücke. "It can be hard, but it should be better i dypet, when we are grunner.... we will see!"
Das grüne Wasser umschließt uns und die Strömung trägt uns mit sich, sobald wir den Boden unter den Füßen verloren hatten. Der sandige und kiesige Grund fällt seicht aber stetig ab. Dicht über dem Boden ist die Strömung kaum noch spürbar und kurz darauf haben wir links von uns eine üppig bewachsene Steilwand, teilweise mit starken Überhängen unter die man tauchen kann.

Nach einem schönen Tauchtag erreichen wir das geräumige Clubhaus. Flaschen werden gefüllt, ich widme mich dem Entzünden des Kamins und Lars bereitet einen riesigen Eintopf vor (welcher auch zwei Tage später noch immer nicht völlig verzehrt ist). Bei einem Whiskey und einem Bier lassen wir den Abend ausklingen. Wir sprechen über das Erlebte und planen den nächsten Tauchtag.

Makroleben Wer sich auch für die kleinen und ganz kleinen Unterwasserlebewesen begeistern kann, der wird selten von einem Tauchgang enttäuscht sein.
Ich zähle mich zu dieser Sorte Taucher, sicherlich auch wegen meines Interesses für die Makrofotografie. Besonders bei Tauchgängen in geringen Tiefen und an eher durchschnittlichen Tauchplätzen in dieser Region kann man so immer etwas spannendes finden. Besonders im Winter wird man hingegen eher wenige Fische zu sehen bekommen: Hier und da höchstens mal ein Plattfisch, Seeskorpion, oder Dorsch.
Aber an verschiedenen Schnecken, Moostierchen, Seescheiden, Einsiedlerkrebsen, Seesternen, Rippenquallen, Krabben, Garnelen, Nacktschnecken, usw. besteht weniger Mangel.

Nachttauchen Nachts kann man dann aber auch an den wenig spektakulären Tauchplätzen in der Region so manchen interessanten und seltenen Fisch sehen. Bei den zwei Nachttauchgängen, die ich hier gemacht habe, konnte ich einen Haarbutt, einen Roten Knurrhahn, mehrere Leierfische, eine scheue Seequappe und zahllose junge Pollacks, Stichlinge, Dorsche und Zwergdorsche, sowie Flundern beobachten.
An einem der von uns besuchten Tauchplätze konnten andere Taucher unserer Gruppe auch einen Conger (Seeaal) beobachten, nicht gerade alltäglich so weit im Norden.
Weiterhin wimmelte es nachts geradezu von Taschenkrebsen, teilweise von beeindruckenden Dimensionen. Auch Hummer sieht man nicht selten, wenn man an den richtigen Plätzen taucht.

Nacktschnecken Besonders im Winter kann man entlang der norwegischen Küste farbenprächtige, oder auch unscheinbare Nacktschnecken beobachten. Teils sind sie winzig und kaum zu sehen und teils recht groß und leicht zu entdecken.
Mindestens acht unterschiedliche Arten konnte ich bei meinen Tauchgängen hier beobachten.
Besonders zahlreich vertreten war die Spezies
Aeolidia papillosa, welche sich von Anemonen ernährt und deshalb besonders an strömungsreichen Plätzen zu finden ist. Auch die bis zu etwa 10 cm lange Bäumchenschnecke Dendronotus frondosus konnten wir häufig finden, ein mehreren Farbvariationen. Weiterhin vertreten waren z.B.: Adalaria proxima, Onchidoris muricata, Polycera quadrilineata, Archidoris pseudoargus und Coryphella verrucosa.

 

Bootstauchen Zwar sind hier viele Tauchplätze gut vom Land aus zugänglich sind, bietet ein Boot weitere Möglichkeiten. Wir unternahmen an einem Tag eine Ausfahrt bei schönem Wetter.
Ziel war eine Steilwand, an der in zwei Gruppen getaucht wurde. So mussten wir nicht zum verankerten Kutter zurückfinden und wurden nach dem Auftauchen wieder aufgesammelt. Die meisten Tauchclubs bieten den Mitgliedern Möglichkeiten Boote, oder Kutter besonders kostengünstig zu nutzen.
Den höheren Kosten und dem Aufwand entgegen steht das Erlebnis einmal die zersprengte Fjordlandschaft von See aus zu betrachten und die Möglichkeit selten besuchte Tauchplätze, oder auch Wracks zu besuchen.

Strömung An vielen Tauchplätzen sind leichte bis mittlere Strömungen normal. Starke Strömungen findet man eigentlich nur an entsprechend exponierten, oder verengten Plätzen (besonders in Sunden, oder vor Landzungen).
Einerseits sind die Sichtweiten an diesen Plätzen häufig überdurchschnittlich und meistens ist der Boden fest und reichlich bewachsen mit allen möglichen Lebewesen, wie z.B. verschiedenen Schwämmen, Röhrenwürmern, Anemonen, usw.

Korallen, Anemonen und Schwämme Wie bereits eben erwähnt hängt das Auftreten dieser farbenprächtigen Meereslebewesen in engem Zusammengang mit auftretenden Strömungen (oder auch wellenexponierten Plätzen) und hartem Untergrund, geeignet um hier fest verankert zu siedeln.
Mancherorts erinnert der Bewuchs an den üppigen Bewuchs mancherorts im kleinen Belt, jedoch ist die Artenvielfalt hier im Oslofjord größer. Dies ist in erster Linie dem höheren Salzgehalt des Wassers zu verdanken.
Die Weichkoralle Tote Mannshand ist sehr häufig ab etwa zehn Metern Tiefe zu finden. Weitere Arten, die man ebenfalls nicht jenseits des Kattegatts in der Ostsee zu finden ein dürften sind beispielsweise die kleine weiße Anemone Protanthea simplex, welche bei zahlreichem Auftreten dunkel Steinwände wie einen nächtlichen Sternenhimmel erscheinen lassen können und die solitäre Steinkoralle Caryophyllia smithii, welche in leuchtenden Farben aus der Nähe betrachtet wunderschön aussieht.


 

Die Unterwasserwelt des Oslofjords ist zwar insgesamt weniger spektakulär als entlang der Westküste. Spürbar ist der Unterschied zwischen Skagerrak und Atlantik, sowohl was Sichtweiten und Gezeiten, als auch das marine Leben angeht. Dennoch lohnt es sich hier abzutauchen, besonders wenn man auch die teils karge und kühle Schönheit heimischer Gewässer mag!

Insgesamt kann ich die Tour nur als vollen Erfolg bezeichnen, was aber natürlich nicht zuletzt an der verlässlichen und guten Organisation meiner lokalen Kontaktpersonen lag. Ich bin mir sicher nicht das letzte Mal hier gewesen zu sein und bereits als mein Rückflug langsam näher rückte planten wir weitere Treffen in den nächsten Monaten, sowohl für eine Stadtbesichtigung in Bremen, als auch eine weitere Tauchtour in Südnorwegen - schließlich wohnt man ja nur eine Stunde voneinander entfernt!

Thanks a lot Marius for the perfect planning and organisation!

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