
Die Tiefsee beginnt schon 15 Meter unter der Oberfläche!
Geschrieben von Sven Gust/Fotos Sten Vondrak & Sven Gust
Die Ozeane sind im Schnitt einige tausend
Meter tief. Die Bereiche, die uns Tauchern zugänglich sind bilden meistens nur einen
verschwindend schmalen Streifen entlang der Küsten. Es gibt auch einige
Ausnahmen - flache
Schelfmeere, oder besser gesagt überschwemmtes Festland, so wie beispielsweise
auch die Nord- und Ostsee. Gewöhnlich brauchen wir uns jedoch nicht weit von der
Küste zu entfernen um Wassertiefen unter uns zu finden, die für uns Hobbytaucher
nach dem heutigen Stand der Technik völlig unerreichbar sind.
Die Verlockung
einen Ausflug in die Regionen zu machen, in die kein Lichtstrahl mehr vordringt,
ist groß. Tauchroboter, so genannte ROVs (Remoted Operating Vehicles) und
bemannte Fahrzeuge bringen Bilder aus einer Welt, die uns ebenso fremd zu sein
scheint wie das All. Und tatsächlich wissen wir kaum was dort in den Tiefen
eigentlich noch zu finden ist. Man hört und liest von Riesenkalmaren, man sieht
Dokumentationen, die Fische mit Leuchtorganen zeigen, mit riesigen Mäulern und
Zähnen und überdimensionalen Augen. Es gibt Lebewesen, die sich darauf
spezialisiert haben an kochend heißen Quellen zu leben und Korallenriffe in der
schwarzen Tiefe, die sich an Pracht und Leben durchaus mit denen des mit Licht
durchfluteten Warmwassers messen können.
Dies alles bleibt für uns
unerreichbar, jedoch mit einigen kleinen Ausnahmen! Es gibt bestimmte Regionen
und Plätze, an denen die Tiefsee uns ein gewaltiges Stück entgegenkommt und wir
die Möglichkeit haben mit ganz gewöhnlicher Ausrüstung einen Ausflug in sie zu
machen. Ein solcher Ort ist zweifellos der Trondheimfjord in Mittelnorwegen. Es
ist der größte Fjord Norwegens und auch der tiefste. Hier finden sich zahlreiche
Tiefseekorallenriffe und einige davon tatsächlich in betauchbarer Tiefe. Es gibt
riesige Eishaie in den Tiefen, sowie auch zahlreiche andere Arten, die tiefes
Wasser bevorzugen. Einer der merkwürdigsten und unverwechselbarsten dieser
Fische ist die Seekatze, oder auch Seeratte genannt - oft auch, abgeleitet von
dem lateinischen Namen Chimaera monstrosa, Chimäre genannt.
Kennt man
innerhalb des Fjordes einige spezielle Tauchplätze und geht hier einige Stunden
nach Einbruch der Dunkelheit tauchen, so kann man diesem interessanten Besucher
aus der Tiefsee manchmal in nur 15, recht häufig jedoch in höchstens 25 Metern
Tiefe begegnen!
Ein solch spezieller Tauchplatz ist Skarnsundet. Durch diesen
schmalen Sund pressen die Gezeiten die Wassermassen, starke Strömungen und
Verwirbelungen entstehen. Wasser wird aus den Tiefen an die Oberfläche gedrückt,
häufig inklusive einiger Tiefseebewohner. So kann man hier beispielsweise der
Tiefseemeduse Peripylla periphylla begegnen, einer Qualle mit nur zwölf
dicken Tentakeln, die mit schillernden Farben beeindruckt und bei Gefahr
versucht mit einem Schwall blauen, leuchtenden Schleims zu verwirren.
Neben
der Strömung wirken weitere Faktoren förderlich zahlreiche Tiefwasser-Spezies in
flache Wasserschichten zu locken. Flüsse tragen sedimenthaltiges und dunkles
Wasser in den Fjord. Dieses Süßwasser ist leichter als das salzige
Nordmeerwasser und schwimmt folglich zunächst an der Oberfläche. Diese trübe
Schicht schluckt bereits auf den ersten Metern einen erheblichen Teil des
einfallenden Lichts. Somit benötigt man hier häufig auch an sonnigen Tagen und
in geringer Tiefe ein Lampe um noch etwas zu erkennen, während man zur gleichen
Zeit vor der Küste selbst bei einem Tauchgang im 80 oder sogar 100 Metern Tiefe
noch recht gut ohne künstliches Licht auskommen könnte. Ferner scheinen im Fjord
auch die Temperaturen über das Jahr hinweg konstanter zu sein und auch der
Salzgehalt ist recht stabil. es muss wohl eine Kombination dieser Faktoren sein,
die es uns also ermöglicht hier auf einige Lebewesen zu treffen, die man sonst
kaum irgendwo auf der Welt bei einem Tauchgang beobachten kann!

Nächtlicher Besucher aus der Tiefsee: Chimäre von Sten bei unserem Nachttauchgang in nur 20 Metern Tiefe fotografiert
Recherche und Planung
Im April 2007
ist es endlich soweit das wir uns selbst ein Bild hiervon machen wollen. Ich
habe in den Wochen zuvor von erfahrenen norwegischen Tauchern hilfreiche
Informationen zu diesem Tauchplatz bekommen, wir verfügen über eine
Gezeitentabelle und haben unsere Tour nach der Mondphase geplant. Grundsätzlich
ist es so das der Gezeitenhub bei Vollmond am höchsten ist, ebenfalls sehr hoch
jedoch auch bei Neumond. Folglich ist dann auch die Strömung am stärksten, da
größere Wassermassen in der gleichen Zeit durch den Sund gepresst werden.
Mitte April war diesbezüglich ein idealer Zeitpunkt. Der einzige Faktor den wir im
Vorfeld nicht einplanen konnten war das Wetter. Einerseits positiv ist nun das
praktisch kein Wind herrscht, der leicht die Oberflächenströmung hätte
verstärken können, und die Sonne scheint. Weniger erfreulich ist jedoch das es in
den Tagen zuvor nochmals ausgiebig geschneit und gefroren hatte. Die etwa 130
Kilometer von unserer Basis bis zum Tauchplatz am Trondheimfjord verlangen uns
eine mehrstündige Fahrt auf spiegelglatten Fahrbahnen mit erheblichen Steigungen
und gefährlichen Kurven ab. Teilweise haben Schneeverwehungen auf den weniger
befahrenen Stücken die Straße komplett unter sich begraben und lediglich einige
dünne Markierungsstangen rechts und links deuten noch an wo sie wohl unter der
weißen Pracht verläuft. Neidisch blicken wir auf die überholenden norwegischen
Fahrzeuge - mit Spikes ist das Ganze eben nur halb so schlimm!
Unser Ziel
ist der kleine Hafen Vangshylla am südlichen Sundende und östlichen Ufer. Über
den Sund führt eine Brücke, die jedoch Mautpflichtig ist. Zu dem Zeitpunkt als
wir hier waren kostete die Passage 66 Kronen pro PKW.
Erst einmal den Hafen
und die Umgebung inspizierend, sind wir uns zunächst unschlüssig wo genau wir
tauchen sollen. Ein Blick in die Seekarte lässt uns erkennen das wir südwestlich
der Hafenmole und vor einer kleinen Schäre vermutlich den besten Platz finden
werden. Gleichzeitig lassen uns Strudel und Wirbel auf der glatten
Wasseroberfläche erkennen, dass die Berichte über heftige Strömungen, von denen
Taucher schon 30 bis 40 Meter senkrecht in die Tiefe gezogen wurden, wohl nicht
übertrieben sind. Einen Tauchgang ohne Boot unter diesen Bedingungen zu planen
bringt schon ein mulmiges Gefühl mit sich.


Links ist die Brücke über den Skarnsund, von Vangshylla aus am Abend aufgenommen, zu sehen. Rechts eine Aufnahme vom Hafen. Im Frühjahr war hier relativ wenig Betrieb, was im Sommer sicherlich anders sein wird. Entsprechende Vorsicht ist dann geboten. Der sandige Abhang an dem wir getaucht haben erstreckt sich zwischen Molenkopf und Schäre nach rechts, zu beiden Seiten von Felswänden eingegrenzt.
Endlich im Wasser
Gleichzeitig ist
aber auch die Neugier sehr groß was uns dort erwarten wird. Das Wasser wirkt
braun und trübe, aber wir wissen das die Sicht in einigen Metern Tiefe
vermutlich besser sein wird.
In der Sonne liegen die Temperaturen leicht über
dem Gefrierpunkt als wir sorgfältig unsere Ausrüstung auf einem Tisch am Hafen
montierten. Man kontrolliert alles doppelt und geht nebenbei einige Was-wäre-wenn-Situationen durch. Unseren ersten Tauchgang planen wir nicht zum
Gezeitenwechsel, da wir der Meinung sind so einen besseren Eindruck von der
Strömung zu bekommen und uns zunächst aus dem Hafen heraus nur vorsichtig
vortasten wollen.
Sehr flach verläuft der Boden im Hafen und wir schwimmen
ein ganzes Stück bevor wir abtauchen. Keine merkliche Strömung zunächst, der
Boden ist mit Wellhornschnecken, Einsiedlerkrebsen, Schlangensternen und
Seeigeln bedeckt. Die Sichtweite liegt bei etwa fünf bis sieben Metern und es
sind keine Geräusche sich unmittelbar nähernder Motorboote zu hören. Von den
Wellen im Sand geformte Maserungen weisen uns den Weg und nach einigen Minuten
fällt vor uns tatsächlich der Sandboden plötzlich steiler ab. Acht Meter Tiefe,
sieben Grad Wassertemperatur, also zwei Grad mehr als vor der Küste zur gleichen
Zeit. Der routinemäßige Blick in mein Kameragehäuse reißt mich aus den Gedanken
was wir wohl gleich zu sehen bekommen werden. Einige Tropfen Wasser haben sich
dort in der Ecke gesammelt.
Ich gebe Sten ein Zeichen und beginne den
direkten Weg zum Ufer einzuschlagen. Hier erfasst uns eine ungefährliche aber
merkliche Strömung und lässt uns deutlich weiter außerhalb der Hafenbucht an den
Felsen auftauchen, als gedacht. Von hier schwimmen wir dicht an der Kante um
nicht in dem flachen Wasser den Bootsverkehr im Hafen, bzw. auch unsere eigene
Gesundheit, zu gefährden.
Als Übeltäter entlarve ich einige Minuten später ein
Haar, welches sich unbemerkt vor dem Schließen auf den Dichtring gelegt hatte.
Während ich hoffe die Feuchtigkeit in der Sonne möglichst komplett aus dem
Gehäuse zu bekommen um späteres Beschlagen zu vermeiden, beschließen wir einige
Stunden zu warten und erst wieder kurz vor Niedrigwasser am Abend zu tauchen.
Der richtige Platz!
Es ist etwa
neunzehn Uhr als wir mit neuem Mut und Elan erneut abtauchen. Das Kameragehäuse
steht zunächst unter besonders sorgfältiger Beobachtung, es scheint aber als sei
das Problem behoben und alles funktioniert bestens.
Vorbei an den Seeigeln,
Schnecken und Schlangensternen nähern wir uns dem sandigen Abhang. Die größte
Flunder, die ich bisher gesehen habe, flüchtet erst vor uns als wir uns auf
weniger als einen Meter genähert haben. Entlang des Abhangs schwimmen wir weiter
in Richtung Schäre und treffen auf die Felswand. In wenigen Metern Wassertiefe
fallen als erstes orange Weichkorallen der Spezies Tote Mannshand ins Auge.
Schaut man genauer hin, so bemerkt man das unzählige Röhrenwürmer und
Schlangensterne den Fels bedecken. Auch verschiedene Schwämme, Seescheiden,
Anemonen, Muscheln und Seegurken fischen in dem strömungsreichen Wasser nach
Nahrung.
Es geht abwärts. Wir treffen auf einige große Seespinnen, auf
Norwegisch Kongkrabber (Königskrabbe) genannt. Eines dieser riesigen Krebstiere,
deren Größe in norwegischen Gewässern lediglich vom Hummer und der sehr ähnlich
aussehenden Russenkrabber (Kamtschatka-Krabbe) weiter nördlich übertroffen
werden kann, zieht meine Aufmerksamkeit auf sich. Genauer gesagt ist es nicht
die Seespinne, die wir auch vor der Küste sehr häufig sehen, sondern das was sie
gerade verspeist. Ich muss sie leider ihrer Beute berauben um sicher sein zu
können. Als der Speiserest dann im Wasser schwebt, kann ich es dann erkennen: Es
ist die Tiefseequalle Peripylla periphylla! Die Farben
leuchten noch aber leider befindet sich dieses Exemplar nicht mehr in einem
fototauglichen Zustand, nicht ungewöhnlich wenn Individuen dieser Art in flaches
Wasser geraten.
Dennoch wissen wir nun sicher das wir hier richtig sind! Wo
diese Qualle auftaucht wird Wasser aus der Tiefe empor gepresst und mit ihm auch
die Lebewesen, wegen der wir hier sind.
Bei einer Tiefe von 25 Metern
verweilen wir und entdecken zahlreiche kleinere Tiere, die wir noch niemals
zuvor an unseren Tauchplätzen vor der Küste gesehen haben. Andere Arten, die wir
bisher lediglich vereinzelt gesehen haben, treten hier in großer Stückzahl auf.
Wir wollen nicht tiefer gehen um die Sättigung gering zu halten, da wir nicht
wissen wie tief wir in der Nacht tauchen werden. Es verlockt einfach tiefer zu
gehen. Sicherlich würde man hier orange Gorgonien finden, für die der
Trondheimfjord bei norwegischen Tauchern ebenfalls bekannt ist.
Die Vernunft
siegt und wir beginnen langsam den Aufstieg, nicht ohne das unsere Kameras
hierbei zahlreiche Aufnahmen machen.


Nicht gerade optimale Straßenverhältnisse muss man im Winter leider häufig hinnehmen. Rechts: Vorbereitung für den nächsten Tauchgang (Foto: Sten Vondrak).
Tauchen extrem und ein Ausflug in die
Tiefsee
Der Wecker
klingelt um kurz vor drei Uhr nachts. Dunkelheit liebende Fische hatten nun
viele Stunden Zeit um aus den schwarzen Tiefen aufzusteigen und der nächste
Tauchgang ist bei Hochwasser geplant. Wir mussten die Ausrüstung im Freien
lagern und alles ist komplett vereist. Die Temperatur liegt bei knapp zehn Grad
unter dem Gefrierpunkt und der Himmel ist sternenklar. Am Horizont erahnt man
bereits den nahenden Tag und wir beeilen uns ins Wasser zu kommen.
Erst hier
können wir die Ventile öffnen, da alle vier ersten Stufen unserer Atemregler
zugefroren sind. Kurz darauf huschen Garnelen und kleine Fische im Schein der
Lampen vor uns davon. Wir haben ein klares Ziel und halten uns hier noch nicht
lange mit der Suche nach Fotomotiven auf. Da ist die Wand, der Sandboden fällt
in die Tiefe ab. Muschelschalen, Skelette von Kalkalgen und kleine Geröllteile
dazwischen. Hunderte von Schlangensternen auf jedem Quadratmeter lassen den
Boden unter sich verschwinden. Es geht tiefer abwärts, die Spannung steigt. Wie
tief werden wir uns wagen müssen um der Chimäre zu begegnen, dem Fisch wegen dem
wir dies alles letztlich tun? Werden wir überhaupt einen dieser merkwürdigen
Knorpelfische, welcher als eine Art Bindeglied zwischen den Haien und den
Knochenfischen gilt, sehen?
Viel früher als erwartet sollten unsere Hoffnungen
erfüllt werden. Eine Seekatze kommt aus der Tiefe auf mich zu. Ich habe noch nie
einen so merkwürdigen und faszinierenden Fisch gesehen. Ruhig und elegant segelt
sie, nur die großen Brustflossen nutzend, dahin. Das Licht der Lampe scheint sie
anzulocken, jedoch gleichzeitig völlig zu blenden. Die großen Augen sind perfekt
an ein Leben in Dunkelheit angepasst. Auch geringstes Restlicht können sie so
nutzen. Ein weiterer Faktor, neben dem langen, dünn auslaufenden Schwanz,
welcher dem deutschen Vulgärnamen Seekatze durchaus Berechtigung verleiht!
Hektisch gebe ich Sten, dessen Lampenschein ich einige Meter hinter mir sehe,
Lichtsignale. Keine Reaktion. Die Seekatze kommt immer näher. Gleich dreht sie
ab und verschwindet in der Tiefe und wir werden bestimmt keinen weiteren dieser
Fische heute Nacht sehen. Noch ein Versuch und wieder keine Reaktion. Nun gut,
dann kann er sie sich später auf den Fotos angucken. Als ich das erste Bild
mache ist der Fisch bereits an mir vorbeigeschwommen. Er wirkt nicht besonders
groß, ist aber sicherlich deutlich über einen Meter lang, wenn man den dünnen
Schwanz einbezieht.
Im nächsten Moment nun sehe ich auch was Sten aufgehalten hat: Eine zweite Chimäre kommt dort aus noch geringerer Tiefe. Beide
Fische treffen aufeinander. Das kleinere Exemplar dreht blitzartig ab und
verschwindet in der Tiefe. Wir folgen dem größeren Exemplar, welches Sten
entdeckt hatte. Es schwimmt ruhig weiter, löst sich jedoch vom Boden. Es ist
schwierig vernünftige Aufnahmen zu machen. Das Wasser ist mit Schwebstoffen
durchsetzt und ich bin doch ziemlich aufgeregt. Bereits auf dem Kameradisplay
sehe ich das einige Fotos total überblitzt sind. Ich reduziere die
Belichtungszeit und schwenke die Blitze noch etwas weiter an. Die nächsten
Bilder werden besser, jedoch nicht gut. Ich kann unter mir kaum noch den Boden
sehen und beschließe wieder abzutauchen.
Wir suchen weiter und treffen nur
Minuten später auf das nächste Exemplar. Leider ist dieser Fisch scheuer und
verschwindet fast umgehend in der Tiefe. So ebenfalls zwei weitere Fische, wobei
ich mich nun beginne zu fragen ob dies alles unterschiedliche Exemplare sind,
oder wir einfach einzelne Fische mehrfach sichten.
Vorbei an einigen großen
braunen Seegurken der Spezies Cucumaria frondosa entdecken wir einen weiteren
Tiefseefisch, den wir noch nie zuvor gesehen haben. Der Schleimaal, oder auch
Inger, ist durchaus
interessant, kann es in diesem Moment jedoch nicht annähernd mit der Chimäre
aufnehmen. Ich mache eilig zwei Fotos von dem rosafarbenen Fisch, der mit dem
Kopf im Sand steckt und fast an einen überdimensionalen Wurm erinnert. Der Schleimaal ist mit den Neunaugen verwandt und stellt hohe Ansprüche an den
Salzgehalt und die Wassertemperatur. Ist der Salzgehalt niedrig und die
Temperatur hoch so wird man ihn nicht antreffen. In der Tiefsee übernimmt dieser
Aasfresser den Reinigungsdienst und ernährt sie von toten Organismen, die aus
den flachen Wasserschichten absinken. Von Kleinstorganismen bis hin zum
Walkadaver wird alles verwertet.
Aber heute Nacht wollen wir Chimären vor die
Kamera bekommen und so geht die Jagd weiter. Kurz darauf treffen wir auf den
letzten Fisch bei dem Tauchgang. Er lässt uns dicht an sich heran und von beiden
Seiten blitzen die Kameras. Nach einigen Runden verabschiedet er sich in die
Tiefe und wir schlagen den entgegen gesetzten Weg ein - zurück in unsere Welt!

Diese Röhrenwürmer fühlen sich offenbar in dem Strömungsreichen Wasser wohl. Sie wachsen dicht an dicht an den Felswänden. Bei so einer großen Anzahl finden sich auch hin und wieder recht fotogene Exemplare. Zu sehen ist auch die runde "Verschlusskappe", mit welcher der Wurm die Kalkröhre verschließen kann, nachdem er den Fächer eingezogen hat. Um den Fächer herum sieht man die Kalkschale eines anderen Wurms der gleichen Art, sowie Hydrozoen und eine Muschel (links).
Ein voller Erfolg
Es ist beinahe
schon hell als wir auftauchen. Wir verstauen unsere Ausrüstung und gehen
schlafen, nicht jedoch ohne zuvor von dem gerade Erlebten ausgiebig zu
schwärmen. Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen und aller Aufwand hat sich
voll gelohnt!
Die Sonne scheint als ich einige Stunden später den letzten
Tauchgang mache um noch einige kleinere Lebewesen zu fotografieren. Besonders
angetan haben es mir die Röhrenwürmer, die es an den Tauchplätzen vor der Küste,
welche wir meistens besuchen nicht annähernd in dieser Stückzahl zu sehen gibt. Ich
finde weitere Motive und beende den Tauchgang in voller Zufriedenheit.
Leider
müssen wir wieder zurück zur Basis, aber wir kommen ganz sicher wieder. Das die
Straßenverhältnisse auf der Rückfahrt deutlich besser sind als am Vortag rundet
den positiven Gesamteindruck der Tour zusätzlich ab und wir freuen uns schon
darauf die Fotoausbeute am Abend in Ruhe bei einem Bier zu sichten!
Chimären - Besucher aus der Tiefsee
Etwa 30 Arten dieser eigentümlichen Knorpelfische gibt es und fast alle sind sie
reine Tiefseebewohner, die Taucher niemals zu Gesicht bekommen werden. Die
Seekatze, oder auch Seeratte, sieht so eigentümlich aus, dass die Vulgärnamen
sich übersetzt fast immer sehr ähnlich sind. Briten als Ratfish
(Rattenfisch) bekannt, nennen die Norweger sie Havmus (Meermaus). Zweifellos ist
der lange, dünn auslaufende Schwanz hierfür verantwortlich.
Die Seekatze
verfügt über große, lichtempfindliche Augen, überdimensionale Brustflossen,
praktisch allein für die Fortbewegung verantwortlich, und eine hohe Rückenflosse
mit einem Giftstachel. Dieses Gift ist durchaus auch für Menschen ernsthaft
gefährlich und kann den Tod herbeiführen. Die Gefahr als Taucher mit dem Gift in
Kontakt zu kommen ist dabei jedoch mehr als gering, selbst wenn man die
friedlichen und zutraulichen Fische stark bedrängt. Vorsicht ist hingegen für
Angler und Fischer geboten, welche die Seekatze gelegentlich als Beifang
anlanden. Falls überhaupt kann jedoch höchstens die große Leber der Fische
verwendet werden, deshalb erfolgt glücklicherweise keine gezielte Befischung.
Die maximale Länge von 150 Zentimetern klingt recht imposant, relativiert sich
jedoch schnell durch die ungewöhnliche Körperform. So kommt es das ein
ausgewachsenes Exemplar gerade einmal bis zu 2,5 Kilogramm wiegt. Bevorzugt in
Tiefen zwischen 100 und 1000 Metern beheimatet, ernährt sich die Seekatze von
Muscheln, Krustentieren und kleinen Fischen.
Wie es auch beispielsweise
ähnlich bei den Katzenhaien der Fall ist, werden im Frühjahr und Sommer etwa 17
cm lange eckige Eikapseln mit Fäden zu Befestigung am Untergrund abgelegt. Die
Jungen sind gute zehn Zentimeter lang, wenn sie schlüpfen.
Dank der
unverwechselbaren Form kann die Seekatze sehr einfach von allen anderen Fischen
in nordischen Gewässern unterschieden werden. Lediglich der Grenadier
Coryphaenoides rupestris besitzt eine vergleichbare Form. Dies ist jedoch
ein reiner Tiefseefisch, dem Taucher nicht begegnen werden.
Die Seekatze ist nicht besonders groß, dennoch hat mich dieser Fisch weitaus mehr beeindruckt als es beispielsweise das Tauchen mit größeren Haien und Delfinen vermochte. Dies mag natürlich subjektiv behaftet sein und damit zusammenhängen das ich diesen Fisch mit der Tiefsee und allem was uns Tauchern in ihr verborgen bleibt, assoziiere. Sicher bin ich mir aber auch, unabhängig hiervon, das kein Taucher eine Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Fisch schnell vergessen wird!
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Sten hat ein kleines Video auf seiner Seite - hier klicken zum downloaden / ansehen!