Go West!
Norwegens Südwestküste - Wo Skagerrak und Nordsee sich treffen

Text und Fotos Sten Vondrak & Sven Gust (tauchprojekt.de) 2008

 

Imposant! Das alles soll durch Eismassen entstanden sein? Gefrorenes Wasser soll in der Lage gewesen sein dermaßen den Fels zu zerpflügen, die Landschaft zu zerschneiden und dann eine derartige beeindruckende Welt aus Stein und Wasser zu hinterlassen?
Wir sind auf den Weg zum "Preikestolen", dem Predigerstuhl. Ein Plateau über 600 Meter oberhalb des Lysefjords, welches zu besteigen man eine zweistündige Wanderung und Klettertour in Kauf nehmen muss. Als wir uns nun im März den Weg durch, teilweise kniehohen Schnee und über Wege die zu dieser Zeit mehr Bächen gleichen, bahnen denke ich darüber nach was für ein Gewalt dies alles erschaffen haben muss.
Und auch wenn wir am Abend deutlich bescheidener darüber denken werden, dass der Aufstieg ja wohl auch um diese Jahreszeit nicht so schwierig sein kann, die Anstrengung wird sich gelohnt haben!

Und der Lysefjord ist für uns nicht nur ein schöner Ausblick von dieser berühmten Touristenattraktion aus, sondern gleichzeitig auch unser Tauchrevier für die nächsten Tage. Wir haben uns auf einem Campingplatz in der Nähe eingerichtet. Hier können wir mit dem mitgebrachten Kompressor unsere Flaschen füllen und sogar erstklassige Tauchgänge direkt vom Strand aus machen, besonders für Nachttauchgänge sehr bequem. Und auch wenn wir hier nicht auf die erhofften Dornhaie treffen, entschädigen doch einige Sternrochen, eine Vielzahl von Schwämmen, Röhrenwürmern, Muscheln, Schnecken und Fische völlig bei den etwa fünfzehn Tauchgängen, die wir absolvieren werden.
Wir befinden uns in Rogaland, nur wenige Kilometer von der Ölmetropole und europäischen Kulturhauptstadt 2008 Stavanger entfernt. Nur gut drei Stunden dauerte die Autofahrt von Kristiansand hierher. Ganz abgesehen, dass allein die Fahrt durch eine solche Landschaft, die ganz sicher auch ein geeigneter Drehort für "Herr der Ringe" gewesen wäre, ein echtes Erlebnis ist, lohnt sich die Reise auch unter taucherischen Gesichtspunkten. Die Nordsee dominiert hier über den Skagerrak (welcher das Bild unter Wasser weiter östlich gestaltet) und mit ihr gute Sichtweiten und vielleicht die größte Artenvielfalt an Meereslebewesen entlang der gesamten norwegischen Küste.

Fjordnorwegen - Spektakulär oben und unten!

Flossen und feste Schuhe.... beides sollte hier unbedingt im Gepäck sein. Wer nur gepresste Luft atmet verpasst einiges und natürlich entgeht dem "normalen" Urlauber ebenfalls, dass sich die steile und schroffe fjordnorwegische Landschaft auch unterhalb der Oberfläche entsprechend fortsetzt.
Man sollte aber auch durchaus darauf gefasst sein, dass so manche "Wanderroute" echten Köpereinsatz abverlangt. Zu berücksichtigen ist dies auch besonders hinsichtlich der zeitlichen Planung und selbstverständlich sollte man solche Touren nach tiefen Tauchgängen gänzlich vermeiden!

Haie und Rochen.... kann man hier besonders nachts sehen. Genauer gesagt in erster Linie Sternrochen und Dornhai (aber auch Katzenhai, schwarzer Dornhai, Schwarzmaul-Hundshai und Nagelrochen). Leider konnten wir "nur" drei Sternrochen sehen, wobei wir aber aus zeitlichen Gründen auch nicht in der Lage waren alle aussichtsreichen Plätze zu testen. Und natürlich gehört auch an den guten Plätzen noch etwas Glück dazu!
Gute Plätze sind weiche Böden (Sand/Schlamm), steil abfallend und mit etwas Geröll in der Nähe. Sternrochen kann man im Winter nachts schon in wenigen Metern Tiefe finden.

Wetter ist Glückssache.... Besonders im Winter kann man natürlich nicht immer mit gutem Wetter rechnen. Wenn es stürmt, schneit, oder regnet macht das Tauchen natürlich weniger Spaß. In den Fjorden findet man zwar eigentlich immer einen geschützten und sicheren Tauchplatz, dennoch können die Sichtweiten dann auch hier eingeschränkt sein und auch noch Tage später so bleiben.
Ist das Wetter gut, so ist die Auswahl an Tauchplätzen groß und die Sichtweiten liegen bei etwa zehn bis dreißig Metern. Ein Trocki und wetterfeste Kleidung sind sicherlich das ganze Jahr über empfehlenswert.

Nicht nur die taucherische Infrastruktur.... ist in Südnorwegen weitaus besser ausgebaut als weiter nördlich im Land. Wer gerne Tankstelle und Supermarkt nicht mehr als zehn, oder zwanzig Kilometer von der Unterkunft entfernt wissen möchte, sollte hier fast überall ein geeignetes Plätzchen finden.
Auch wenn "die Einsamkeit" hier im Sommer eher schwer zu finden sein sollte, so ist es für deutsche Begriffe doch noch lange nicht überlaufen. Verglichen mit der Region um Kristiansand gibt es hier kaum gewerbliche Basen, die geführte Tauchgänge anbieten. Tauchclubs, Feuerwehr und das "Grüne Kreuz" können aber Flaschen füllen und über die Clubs kann man auf Wunsch auch sicherlich einen lokalen Tauchguide auftun (wenn man denn Bedarf hierfür verspürt). Leider ist hier aber auch viel mehr Küste privat und einge schöne Einstiege von Land sind somit unzugänglich.

Jäger und Sammler.... Da es in Norwegen Tauchern erlaubt ist Krebse, Muscheln, Fische, usw. für den Verzehr zu entnehmen, kann man den Grill am Abend durchaus mit der eigenen Beute bestücken - wenn man das denn will!
Oberstes Gebot: KEINE HUMMER MITNEHMEN! Alles andere ist eigentlich auch schon erlaubt. Da die meisten Taucher glücklicherweise ohne Harpune (was ja in Norwegen auch erlaubt ist) unterwegs sind, entfallen die meisten Fischarten der Speisekarte. Dennoch haben wir gewaltige Taschenkrebse gesehen und einige leckere Kammmuscheln gesammelt. Scheren und Beine der nordischen Steinkrabbe kann man ebenfalls kochen, genau wie die Miesmuscheln und die größeren O-skjell (sehen praktisch genauso aus wie Miesmuscheln). Regelmäßig werden Miesmuscheln entlang der norwegischen Küste auf Algengifte untersucht und Verzehrwarnungen kann man hier finden: http://matportalen.no/Matportalen/Blaaskjell/blaaskjell
Mit dem Messer kann man auch versuchen eine Scholle zu erbeuten, was jedoch dem Fisch selbst auch eine faire Chance zu Flucht lässt (welche dieser nicht selten auch nutzt)
Taucher, die bisher lediglich im organisierten Tourismus an den gängigen Tauchspots dieser Welt den Urlaub gemacht haben, werden erschüttert sein über diese Tipps. Dies ändert aber nichts an der Tatsache das es sich, in geringem Umfang betrieben, um eine der umweltverträglichsten Fangmethoden überhaupt handelt!

Aber natürlich gilt dennoch: Was man sammelt und isst wird kein Taucher jemals wieder beobachten können. Deshalb sollte man diese Möglichkeit bitte nicht zu exzessiv nutzen!

Seit etwa zwei Stunden ist es dunkel als ich die wenigen Meter vom Wohnwagen bis zum Strand des Campingplatzes schwer bepackt zurücklege. Leichte Wellen rollen heran und westlich sehe ich den Lichtschein von Stavanger den Horizont erleuchten. Ich kontrolliere die Kameraausrüstung, mache letzte Einstellungen um bereit zu sein wenn sich das Motiv bietet.
Die Sicht ist im Flachbereich nicht besonders gut, der Sandboden fällt seicht ab. Einige Einsiedlerkrebse huschen, oder rollen im Lampenschein davon, hier und da ein Kammseestern und eine Islandmuschel. Langsam wird es tiefer. Keine zehn Meter sind erreicht als ich auf den ersten Rochen treffe. Er ist nicht besonders groß und hatte offenbar auch schon eine Auseinandersetzung mit einem Dornhai, denn die letzten Zentimeter des Schwanzes fehlen. Willig posiert er für einige Fotos, bevor ich meinen Weg in de Tiefe fortsetze.
Ab etwa 20 Metern wird die Sicht richtig gut (Anm.: wenige Tage später war die Sicht bis in große Tiefen schlagartig durch eine viel zu frühe Algenblüte total eingetrübt und betrug teilweise weniger als einen Meter). Grobes Geröll löst den Sandboden ab. Einige große Pollacks und kleinere Köhler schwimmen irritiert umher. Ein kleines Ruderboot ist hier gesunken und liegt verkeilt zwischen dem Geröll, bewachsen mit Schwämmen, Anemonen und Röhrenwürmern.
Ab einer Tiefe von etwa 30 Metern umschwärmt mich nordischer Krill, jedoch nehme ich mir wieder einmal nicht die Zeit zu versuchen ein ordentliches Foto dieser agilen Krebse zu machen. Es zieht mich noch etwas tiefer, wo ich dann den Boden nach Haien absuche. Leider auch in dieser Nacht vergeblich. Trotzdem werden es am Ende einige schöne Fotos und Eindrücke sein, die ich mitbringe und morgen Nacht geht es dann eben wieder in die Tiefe, vielleicht sind ja dann Dornhaie, oder ein Schwarzmaul-Hundshai anzutreffen?!

Die Woche, geht viel zu schnell vorbei und als wir beginnen unsere Ausrüstung zusammenzupacken, bleibt das Gefühl nochmals herkommen zu müssen und um die Tauchplätze zu besuchen, für welche die Zeit nicht mehr gereicht hat. Verglichen mit anderen Regionen Norwegens ist man ja aber dafür auch fast blitzschnell hier!

Steilwände In den Fjorden gibt es überall Steilwände. Sie sind unterschiedlich intensiv bewachsen mit Seescheiden, Röhrenwürmern, Anemonen, Muscheln und Schwämmen.
Aufgefallen ist uns aber speziell im Lysefjord wie flach man hier bereits auch gigantische Elefantenhautschwämme (Geodia barretti) treffen konnte. Medizinballgroß und bereits ab etwa 30 Metern zahlreich an vielen Plätzen, kannte ich sie bisher nur kleiner und aus Tiefen von 50 Metern und mehr (ausgenommen Trondheimfjord, hier wachsen sie bereits ab 20 Metern).
Auch konnten wir viele nordische Steinkrabben von teils beeindruckenden Dimensionen (ink. Beine sicherlich häufig mehr als 60 cm im Durchmesser) an den Wänden beobachten. Ein echter Hingucker ist auch die Anemone Bolocera tuediae, weiter hinten im Fjord gewöhnlich (siehe Foto oben rechts).

Sunde Es gibt einige gut erreichbare Sunde in der Region, welche dank der stärkeren Strömung, speziell Tieren einen idealen Lebensraum bieten, die nach Plankton fischen.
Besonders beeindruckend fand ich einen, im Schnitt nur etwa 15 Meter Tiefen, Sund mit Sandboden und nur wenig Fels im Lysefjord. Hier war der Boden förmlich bedeckt von großen Kletterseegurken Cucumaria frondosa und eingegrabenen Schuppenseegurken Psolus phantapus. Besonders erstaunlich empfand ich diese Ansammlungen auch deshalb, weil wir an Tauchplätzen, nur wenige hundert Meter entfernt, im gleichen Fjord gewöhnlich nicht ein einziges Exemplar der o.g. Arten fanden!
Bereits von der Brücke über den Lysefjord kann man den Sund sehen (zwischen Küste und Insel). Hier liegen auch zwei alte Schiffe, welche früher oder später wohl sinken werden und im Sund fanden wir zwei große Anker - natürlich ebenfalls besiedelt von Seegurken. Von einem geeigneten Parkplatz an der Straße muss man leider einige Metern zwischen Bäumen und Sträuchern einen Abhang hinab, wenn man vom Land aus tauchen will (muss).

Sand und Geröll Eine Mischung aus diesen beiden Materialien garantiert eine große Artenvielfalt und ist auch so ziemlich der gewöhnlichste Boden. Zwischen den Steinen verbergen sich Fische und Krebse und der Sandboden bietet, besonders nachts, Nahrung.
Nachttauchgänge sollte man zudem an Plätzen machen, wo der Boden nicht zu seicht abfällt und die Maximaltiefen in der Nähe wenigstens 200 bis 300 Meter betragen. Dies steigert zusätzlich die Chance einen Besucher aus der Tiefe bei Nacht zu Gesicht zu bekommen!


 

 

Auf dem Rückweg wollten wir uns nun auch noch eines der, bei bei deutschen und anderen ausländischen Tauchern, bekanntesten Wracks in Norwegen anschauen. Die Gudrun war einst ein etwa 70 Meter langer und 1.500 BRT großer Frachter, welcher 1944 mit einer Ladung von Munition und Zement von britischen Bombern im Flekkefjord versenkt wurde.
Die Mannschaft strandete den Dampfer und kurz nach Kriegsende wollte eine Bergungsfirma das Wrack zur Verschrottung abtransportieren, wobei es versehentlich an der heutigen Position sank. Dort steht es nun aufrecht in rund 30 bis 45 Metern Tiefe (ein Mast ragt sogar bis auf ca. 15 Meter auf) und ist durchaus einen Besuch wert, da nur 180 Meter vom Einstieg und knapp 140 Meter von der Küste entfernt.
Leider hatten wir weniger gute Sicht als in der Region um diese Jahreszeit üblich und für meinen Geschmack fehlte es dem Wrack an Bewuchs und Kleinteilen (man ist eben doch von den "ungeplünderten" Wrack weiter nördlich verwöhnt). Zusätzlich machte ein Haufen Schrott, den irgendwelche Schwachköpfe hier offenbar entsorgt haben um den Boden andernorts für die Fischerei freizuhalten, die Stimmung etwas kaputt. Die Illusion an einem unberührten Wrack zu tauchen ist doch ziemlich dahin wenn man erstmal einen Einkaufswagen, Sicherungskästen und Kunststoffschaltkästen und Autobatterien als frischen Zivilisationsmüll identifiziert hat!

Zusammengefasst war es mal wieder eine schöne Tour. Das Wetter war uns, für die Jahreszeit, sehr gnädig und auch wenn es noch zu früh im Jahr für die große Fischvielfalt war, so haben mich Unterwasserlandschaft und das marine Leben hier doch mehr als überzeugt. Sicherlich darf ich mir nicht erlauben eine generelle Beurteilung der Region zu geben, allerdings konnte ich ganz eindeutig den Unterschied zu der Region um das Südkap und Kristiansand erkennen. Denn hier dominiert die Nordsee, schenkt bessere Sichtweiten und ein weit typischeres Bild der norwegischen Unterwasserfauna als dies weiter östlich der Fall ist (Beispiel unten: ein stattlicher Seewolf bei einem Nachttauchgang direkt vom Campingplatz).
Sollte man nicht nur auf Wracks scharf sein, so lohnen sich die etwa drei Stunden Fahrt von Kristiansand - nach Westen!

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