LOST IN SPACE – Süßwasserquallen im Mitteleuropa

Eigentlich hatten wir Mitte Oktober ja für vier Tage die Wracks der westlichen Ostsee betauchen wollen, allerdings meinte es das Wetter nicht gut mit uns und so wurde die Tour „abgeblasen“.
Ersatzweise entschied sich ein Teil der kleinen Gruppe kurzfristig zu einer Ausweichtour nach Sachsen. Unser Hauptziel war der Kulkwitzer See in Leipzig, den ich jedem Taucher der (auch) unkomplizierte und absolut entspannende Naturtauchgänge mag empfehlen kann! Das recht klare Wasser, die flachen Uferzonen mit dem üppigen Bewuchs, einige versunkene Bäume und sehr viel Fisch! Gesehen haben wir Aale, Barsche, Spiegel- und Wildkarpfen, Schleien, verschiedene Weißfische, Fußkrebse und viele Hecht (allerdings nur bis etwas 60 cm Länge). Es soll auch noch zahlreiche weitere Fischarten geben, darunter Welse!               

Nach zwei schönen Tauchtagen machten wir uns dann auf den Rückweg und wollten bei Halle noch in einem Steinbruchsee, in der Nähe der A 14, tauchen. Seit dem Jahr 2003 ist der Zutritt zu dem Gelände offiziell verboten, darauf weist ein Schild am Zufahrtsweg hin. Dennoch werden Taucher scheinbar stillschweigend geduldet.
An diesem Samstag befanden sich vormittags bereits mindestens 15 Taucher an dem kleinen Kessel, dennoch schien die Sicht noch ganz ordentlich zu sein. Im hüfttiefen Wasser zogen wir die Flossen an und schwammen dann einige Meter in Richtung Seemitte. Das Wasser hatte noch gute 11 bis 12°C der See sollte knapp 20 Meter tief sein und die Wände stürzten rundherum steil hinab. Auf dem Grund sollten sich noch Relikte aus den Tagen des Bergbaus, Bäume und Geröll befinden (die riesigen Schwärme von Weißfischen und Barschen, die wir zusätzlich sahen, hatten wir eher nicht erwartet!).
Die größte Überraschung brachte aber bereits der erste Blick unter die Oberfläche, noch bevor wir abgetaucht waren! Mehrere kleine Süßwasserquallen schwebten dort regungslos, oder bewegten sich mit Pumpbewegungen vorwärts. Sie waren nicht besonders groß, aber da ich noch nie zuvor Quallen in einem See zu Gesicht bekommen hatte war ich doch ziemlich verwundert nun in einem so kleinen Gewässer darauf zu stoßen. Sicherlich hatte ich schon von Süßwasserquallen in den Tropen, oder auch in Südeuropa gehört – aber in Deutschland?!

Zuerst waren es nur einzelne Tiere, die sich zwischen Oberfläche und Sprungschicht (auf etwa 8 Metern Tiefe) aufhielten. Wir tauchten zum Grund und begannen den See zu umrunden, was nicht sehr lange dauerte. Bereits hierbei bemerkte ich das die Dichte der Quallen an der Nordwestwand stark zunahm. Später erklärte ich mir dies durch die Tatsache das sie vermutlich vom Wind aus südöstlichen Richtungen hier hingetrieben worden waren. Direkt oberhalb der Sprungschicht wimmelte es nur so von hunderttausenden der kleinen Quallen, die im Durchmesser etwa so groß waren wie ein Eurostück.
Meisten trieben sie bewegungslos vor sich hin. Erst wenn man sich ihnen näherte und sie zwangsläufig, von den Verwirbelungen die man produzierte, aus ihrer Ruhe gerissen wurden kehrte Leben in die kleinen, durchsichtigen Körper. Sie erinnerten mich an Miniaturausgaben der Kreuzquallen die ich aus dem Nordatlantik kannte. Der runde Schirm einer Ohrenqualle, wie man sie aus Nord- und Ostsee kennt, am Rande die Nesselfäden.
Ich machte einige Fotos, was aufgrund der Objektgröße und der Tatsache das sie frei im Wasser schwebten (und überflüssigerweise auch noch bei jeder kleinen Bewegung aus dem Sucher gewirbelt wurden!) nicht so ganz einfach war. Dank der Digitaltechnik konnte ich aber den hohen Ausschuss ignorieren und kam letztlich doch zu einigen relativ brauchbaren Ergebnissen.

Später habe ich noch nach Informationen zu diesen außergewöhnlichen Lebewesen, die ja praktisch direkt vor unserer Haustür anzutreffen sind, gesucht. Wie so oft scheint es aber so als wenn über irgendwelche tropischen Fische am anderen Ende der Welt mehr bekannt ist, bzw. auf deutschsprachigen Web-Sites veröffentlicht ist, als über dieses heimische Tierchen!
Die Wissenschaftler sind sich weder einig ob die Tiere aus Asien oder Südamerika nach Europa eingeschleppt worden sind, noch wissen sie genau wie sie sich nun wirklich vermehren.

Das was ich finden konnte will ich hier kurz zusammenfassen:

- Die Süßwassermeduse (Craspedacusta Sowerbyi) tritt verstärkt in warmen Sommern in kleineren und mittleren Seen auf.
- Der Schirm besitzt einen Durchmesser von 20 mm und der Wassergehalt beträgt fast 99,5 Prozent.
- 1880 wurde diese Qualle erstmals in Europa gesichtet und dokumentiert.
- Die Vermehr erfolgt vermutlich durch einen zwei Millimeter großen Polypen, der sich am Untergrund fest haftet und durch Knospung neue Miniquallen (Medusen) zeugt. Hierzu muss die Wassertemperatur aber 22°C übersteigen.
- Eine erwachsene Qualle besitzt etwa 400 Fangarme mit denen sie Zooplankton fischt, für Menschen oder Fische sind die Nesseln  vollkommen ungefährlich.
- Es gibt vermutlich männliche und weibliche Tiere und sie können sich auch geschlechtlich Fortpflanzen (und neue Polypen zeugen).
- Die Quallen treten auch im selben Gewässer in verschiedenen Jahren vollkommen unterschiedlich häufig auf, je nach Temperatur.
- In Mitteleuropa kommen die Tiere häufig vor. In Deutschland sind in fast allen Bundesländern schon Süßwasserquallen gesichtet worden (die Küstenländer fehlen aber ganz).

 

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