
Text und Fotos Sven Gust 2004
In der kalten Jahreszeit gehört schon
etwas Glück dazu einen guten Tauchtag an der Ostsee zu verbringen. Maßgeblich
ist erst einmal der Wind in Stärke und Richtung: Leichte Westwinde machen die
Taucher in Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern glücklich, starke
Ostwinde dementsprechend nicht. Sollte man dann noch Sonnenschein an dem Tag der
Wahl haben können die Tauchgänge zu einem echten Erlebnis werden!
Sowohl an tiefen Wracks, als auch bei
flachen Strandtauchgängen habe ich zwischen Dezember und Februar Sichtweiten von
gut 20 Metern erlebt, mindestens 10 Meter sollte man fast immer vorfinden (wie
schon gesagt muss aber das Wetter mitspielen!).
Das Unterwasserleben befindet sich
allerdings zum großen Teil im Winterschlaf. Viele der Tierchen die man im Sommer
an einem bestimmten Tauchplatz zu Gesicht bekommt sind nun unauffindbar.
Teilweise sind die Fische und anderen Meeresbewohner in tieferes Wasser
abgewandert, teilweise überwintern sie aber auch im Sand, oder Schlamm
eingegraben, oder in kleinen Spalten zwischen Steinen und Geröll. Gerade in
Steinfeldern, oder an Wracks tauchen dann aber nachts viele Fische doch auf.
Besonders Seeskorpion, Dorsch und Steinpicker scheint das eiskalte Wasser nicht
zu stören, ganz im Gegenteil: Diese Fische laichen in den Monaten Januar bis
Mai, damit die frisch geschlüpften Larven von dem reichen Nahrungsangebot im
Frühjahr und Sommer profitieren können. Auch der Seehase, für Ostseetaucher ein
echter Saisonfisch, lässt sich in den Monaten April und Mai kurz an geeigneten
Plätzen blicken. Hier haftet das größere, dunkel gefärbte Weibchen die Eier in ein „Nest“
auf den harten, festen Untergrund (Steine, Wrackteile, Spundwände und
Brückenpfeiler) und das rötliche Männchen bewacht anschließend das Gelege,
während es ihm zudem ständig frisches Wasser mit den Brustflossen zufächert. Der absolut
friedliche, etwas plump wirkende Fisch muss sich dann manchmal von
rücksichtslosen Tauchern so einiges gefallen lassen. Manche machen sich sogar
einen Spaß daraus den Fisch in die Hände zu nehmen um für ein Foto zu posieren,
ziemlich unangebracht wenn man bedenkt das der wehrlose Fisch ungeheuren Mut
aufbringt und seinen Nachwuchs zu schützen versucht. Er drängt dann seinen
Körper immer wieder zwischen Taucher und Gelege und weicht nicht von der Stelle.

Wenn ein Meer vereist......
Im Dezember beträgt die Wassertemperatur
in den küstennahen Bereichen gewöhnlich 5 bis 7°C. Im Februar sind es dann gerade noch 1
bis 3°C und Häfen und ruhige Buchten sind von einer Eisdecke überzogen. Im
südwestlichen Teil der Ostsee finden wir natürlich nicht die geschlossene, dicke
Eisdecke wie sie den nordöstlichsten Teil für fast sechs Monate im Jahr überzieht
und die finnischen Anwohner statt mit dem Boot nun mit dem LKW die kleinen
Felseninseln im Finnischen Meerbusen versorgen.
Die Eisdecke in den leeren
Sportboothäfen an der Ostsee in Norddeutschland und Süddänemark trägt nur in
besonders harten Wintern sicher Personen und ist nicht sehr beständig. Das liegt
einerseits an den relativ gemäßigten Temperaturen durch den Golfstromeinfluss,
andererseits natürlich auch an dem höheren Salzgehalt des Wassers. Der Winter
ist auch die Jahreszeit, in der die Ostsee den größten Wasseraustausch mit dem
Leben spendenden Seewasser der Nordsee über den Skagerrak und Kattegat erfährt.
Der Eintrag an Süßwasser ist nun geringer und schwere Winterstürme aus
nordwestlichen Richtungen drücken das salzhaltige Wasser über die flachen
Schwellen und durch die schmalen Sunde in die Ostsee. Dann blüht das Leben
manchmal regelrecht auf und viele Tierarten dringen weiter östlich vor als
normal. Im Frühjahr, mit der Schmelze, „versüßen“ dieses neu erschlossenen
Bereiche dann oft wieder und robuste Süßwasser- und Brackwasserfische erobern
die uneingeschränkte Herrschaft zurück.

Wir waren im Dezember im Bereich der
Lübecker Bucht und östlich davon tauchen. Die Strandtauchplätze hier sind sehr
flach und bei stärkerem Wellengang sollte man nicht ins Wasser gehen. An vielen
Stellen wechseln sich Seegraswiesen mit Steinen und Sandflächen ab. Die
Wassertemperatur betrug mitten im Dezember 6°C und die Sichtweiten lagen um 15
Meter. Die Seegraswiesen waren noch teilweise recht intakt, jedoch fehlten
typische Bewohner wie die verschiedenen Grundeln und Schlangennadeln fast
vollständig.
Auf den von Miesmuscheln bewachsenen
Steinen befanden sich an den Tauchplätzen am Westufer der Bucht viele
Nacktschnecken. Nur wenige Kilometer weiter östlich fand ich keine einzige,
obwohl der Lebensraum identisch wirkte. Leider waren die Schnecken noch immer
kaum 15mm groß, was mir mit meinen eingeschränkten technischen Möglichkeiten
erhebliche Schwierigkeiten bereitete ein halbwegs gebrauchbares Foto zu machen.
Als es bereits um 17 Uhr stockfinster
war machten wir einen Nachttauchgang an einem sehr flachen Trümmerfeld nahe der
Tauchbasis am Timmendorfer Strand. Die Maximaltiefe betrug 4 Metern, dennoch
trafen wir auf enorm viel Leben. In nur zwei Metern Tiefe fanden wir z.B. die
größte Flunder die ich jemals gesehen habe (im Nachhinein muss ich wohl zufügen:
....bis zu diesem Zeitpunkt) mit einer Länge von etwa 45
Zentimetern im weißen Sand eingegraben. Am Trümmerfeld selbst dominierten
Strandkrabben, Dorsche und Seeskorpione das Geschehen. Miesmuscheln und
Seesterne waren eher unscheinbare Statisten, Garnelen und Grundeln huschten im
Lichtkegel umher.
Anemonen und Seenelken gibt es hier
nicht: Strömung und Salz fehlen. Weiter nördlich, um Fehmarn, findet man dafür
an den Wracks in etwa 20 Metern Wassertiefe den üppigsten Seenelkenbewuchs der
ganzen Ostsee! In diesem speziellen Biotop verändern oft schon wenige Kilometer
die Lebensbedingungen so stark das eine bestimmte Art nicht mehr existieren
kann, die 30 Autominuten entfernt noch in Kolonien auftritt.
Am nächsten Tag tauchten wir an einer
Sandbruchküste westlich von Boltenhagen. Hier fischten viele Angler auf
Meerforelle, was aufgrund des abwechslungsreichen Meeresbodens nicht
verwunderlich ist. Der lachsartige Fisch dürfte hier reichlich Nahrung finden.
Bei unseren Tauchgängen sahen wir zwar kaum Fische, allerdings dürfte sich das
im Sommer ändern. Aufgrund der extrem guten Sicht von fast 20 Metern zähle ich
aber die Tauchgänge dennoch zu meinen schönsten Ostseetauchgängen überhaupt!
Das Ufer fällt sehr flach ab und man
kann keine zweistelligen Tiefen erreichen. Dafür wechseln sich große
Steinbrocken, Geröllfelder, weißer Sand und üppiges Seegras ab und bilden eine
herrliche Landschaft für einen entspannten Flachtauchgang. Leider konnten wir
keinen Tauchgang mehr in der Dunkelheit machen, weshalb ich nicht genau sagen
kann was es hier nachts an Fisch zu sehen gibt. Mit Sicherheit Flundern,
Seeskorpione, Dorsche und Grundeln.
Übrigens ist natürlich auch die alte Hansestadt Lübeck einen Besuch wert wenn man in der Gegend taucht! Im Dezember lockt zudem der schöne Weihnachtsmarkt (vielleicht auch der Glühwein?!) Scharen von Schweden und Dänen an. Auch hier lohnt sich ein Besuch, selbst wenn auch ich als Nordlicht über den teilweise eisigen Charme der Menschen hinter den Tresen etwas überrascht war.
