
Teil 1: Die westliche Ostsee im Herbst
Text und Fotos Sven Gust 2004
Wenn die Tage kürzer werden, die Temperaturen nachts unter den Gefrierpunkt fallen und eisige Winde über die Küsten peitschen bereitet sich das maritime Leben auf den nahenden Winter vor. Eine Zeit in der die Wassertemperaturen teilweise auf nur ein Grad abfallen und geschützte Buchten und Häfen mit einer Eisdecke überzogen sein werden.
Mitte November beträgt die
Wassertemperatur immerhin noch 8°C und die meisten Fische sind noch aktiv. Den
Seeskorpionen und Dorschen macht das kalte Wasser am wenigsten aus, Aale und
Plattfische sind nun schon seltener in den flachen Bereichen anzutreffen und im
Winter bekommt man nahe der Küste meistens nur noch selten eine Flunder oder
Kliesche zu sehen!
Wir haben Glück an diesem Samstag, es herrscht kaum Wind und
die Sonne versteckt sich nur selten hinter einigen Wolken. Seit fast einer Woche
wehte der Wind nur mäßig aus westlichen Richtungen, was zur Folge hat das die
Sicht in der Eckernförder Bucht sehr gut ist. Etwa 10 Meter sind es heute,
hätten wir starken Ostwind wäre es sicherlich nicht einmal ein Meter gewesen.
Trümmertauchen
Der erste Tauchgang findet am späten
Vormittag an einem Trümmerfeld statt. Ich möchte mich als erstes auf das
Fotografieren von Seenelken konzentrieren und zwischen 5 und 10 Metern Tiefe
finden sich auf den Beton- und Eisenteilen auch reichlich Motive!
Leider befinden sich ab einer Tiefe von
5 bis 6 Metern auch mehr Schwebstoffe im Wasser, der Fotografie im
Nah-/Macrobereich schadet das aber eigentlich kaum. Quallen sehen wir nicht, was
auch nicht sonderlich schade ist. Zwar sind die Ohrenquallen und
Seestachelbeeren sehr schöne Fotomotive, allerdings werden die Nesselquallen im
Sommer oft zur Plage und hinterlassen, besonders an den Lippen, schmerzhafte
Erinnerungen!
Dichter, aber niedriger Pflanzenbewuchs
findet sich auf dem Geröll. Dazwischen entdeckt man beim genauen Hinsehen
winzige Nacktschnecken. Sie sehen prächtig aus mit ihrer glasig-rötlichen
Färbung und den weißen Kiemenzapfen auf dem Rücken. Leider sind sie bei meinen
technischen Möglichkeiten aber noch zu klein um ein vernünftiges Foto zu
bekommen. Im Februar und März werden sie ihre maximale Größe erreichen und im
Sommer praktisch vollständig verschwunden sein. Leuchtet man in dunkle
Felsspalten, so kann man kleine Anemonen in den verschiedensten Färbungen
erkennen. Strandkrabben und verschiedene Grundeln flüchten vor dem Lichtkegel.
Etwas tiefer ist sämtliches Hartsubstrat
mit Miesmuscheln, Seenelken, Seepocken, kleinen Schwämmen, Seescheiden und
Schlammrosen bewachsen. Fische sieht man am Tage kaum, nur kleine Grundeln, hin
und wieder einen Seeskorpion, oder eine Flunder von guter „Küchengröße“.
Nach fast 90 Minuten beginnt die Kälte
langsam durch meinen Trockenanzug zu kriechen und die 7 Liter Doppelflaschen
nähern sich auch bald der Reserve. Unbeholfen wanke ich als letzter Taucher
unserer Gruppe über den Sandstrand zum Parkplatz, es hat sich mal wieder
gelohnt!

Nachts pulsiert das Leben!
Es wird bereits um 16.30 Uhr dunkel,
obwohl ja heute sogar die Sonne scheint. Die Vorbereitungen für einen
Nachttauchgang beginnen. Als wir an der Spundwand des Hafens ins Wasser gehen
kann man ohne Lampe noch einigermaßen sehen, wenige Minuten später ist es
stockfinster. Eine weiße Anemone von etwa 6 Zentimetern Durchmesser taucht an
der rostigen Wand auf, unübersehbar im hellen Lichtkegel. Für diesen Teil der
Ostsee ist sie schon relativ groß, östlich von Fehmarn (also nur etwa 40
Seemeilen entfernt) trifft man sie sogar überhaupt nicht mehr an. Hier hat das
Wasser immerhin noch einen Salzgehalt von etwa 10 bis 15 Gramm pro Liter (je
nach Jahreszeit und Windrichtung). Das reicht noch so manchem Meereslebewesen
zur Existenz, weiter östlich herrschen dann eher robuste Süßwasserfische wie
Hecht und Barsch.
Kleine Dorsche huschen davon, aber auch
einige Exemplare von bis zu 70 Zentimetern Länge sehen wir – scheinbar kommt für
den Ostseedorsch doch noch nicht jede Hilfe zu spät! Auf den Steinen ruhen
Seeskorpione. Sie haben ihr Färbung fast perfekt dem Untergrund angepasst.
Überall sind Strandkrabben auf der Wanderschaft. Eine bringt eine große Muschel
vor neidischen Artgenossen in Sicherheit – sie zu knacken wir sicherlich etwas
dauern.
Viele Garnelen, Fischlarven, kleine
Borstenwürmer und Glasgrundeln erscheinen leuchtend vor der Lampe und
verschwinden wieder. Auf dem Sandboden, zwischen den Überresten einer
abgestorbenen Seegraswiese, sehe ich eine aufgerollte Aalmutter (oft auch als
Aalquappe bezeichnet, was aber eigentlich der Name des im Süßwasser
vorkommenden, ähnlich aussehenden Fisches ist!). Sie ist sehr kooperativ und
lässt mich einige Fotos machen.
Dieser Tauchgang dauert 70 Minuten und
draußen ist es mittlerweile recht kalt geworden. Das Umziehen geht
dementsprechend ziemlich schnell über die Bühne und leider muss heute aus
zeitlichen Gründen auch das Dekobier entfallen - ein sehr schöner Tauchtag war
es aber dennoch!

Von Süden kommend erreicht man
Eckernförde von der A7 über die erste Abfahrt hinter dem Nord-Ostseekanal.
Eckernförde ist ein wirklich schönes Städtchen in dem man alles findet was man
für eine nettes Tauchwochenende benötigt:
Unterkünfte für jeden Geldbeutel, eine Tauchbasis direkt im Hafen, Restaurants
und Kneipen für jeden Geschmack und einige schöne Land- und Bootstauchplätze.
Die Landeinstiege sind ungeeignet für Tiefenjäger, aber bieten für
Ostseeverhältnisse viel Leben und entspannte Tauchgänge. Im Sommer ist vor allem
auf Sportboote zu achten, im Winter meistens nur auf Fischkutter und Angler. Der
Boden ist meistens sandig, kiesig, oder mit Seegras bedeckt. Im tieferen Wasser
ist der Boden von Schlamm bedeckt und hier herrscht eigentlich nur an künstlich
eingebrachtem Hartsubstrat (Wracks, Trümmer, Spundwände von Hafenanlagen, usw.)
Leben.
An der Südseite der Bucht
liegen die Trümmer einer Betonschute etwas mehr als 500 Meter vom Strand
entfernt, an der tiefsten Stelle der Bucht finden sich auf gut 25 Metern die
Reste des abgewrackten 155 Meter langen Küstenpanzerschiffs Nordland und im
Mündungsbereich liegen die Überreste eines alten Holzschiffs. Der Name ist
unbekannt, ebenso der Typ und das genaue Untergangsdatum. Allgemein wird das
Wrack als Mittelgrundwrack, nach seiner Lage direkt auf dem Mittelgrund,
bezeichnet.