"Nordsee ist Mordsee"

So lautet ein bekannter Spruch an der Küste, der auch heute noch regelmäßig seine Gültigkeit beweist wenn Schiffe stranden, Fischkutter sinken, Rettungsfahrzeuge nur heil in den Hafen zurückkehren, weil sie auch komplette Überschläge wegstecken können, Frachter sich im Nebel rammen, Container von Wellen losgerissen werden und ins Meer spülen - die Nordsee ist ein tückisches und gnadenloses Meer, bedingt durch die geografischen Gegebenheiten!

Die Nordsee wurde im Laufe der Zeit für tausende Schiffe zu einem nassen Grab. Stürme, Kriege, technisches Versagen und menschliches Fehlverhalten führten dazu, dass Segelschiffe strandeten, Fischkutter von Wellen verschluckt und Dampfschiffe von Minen, oder Bomben zerrissen wurden.
Die stummen Zeugen ruhen heute unter der grauen Oberfläche, oder wurden bereits ganz vom Sand im Meeresgrund begraben. Die Tragödien sind unfassbar, das Leid und die Not wohl kaum nachvollziehbar. Gedichte und Lieder handeln davon, wie schiffe einfach nicht mehr in den Hafen zurückkehrten, oder aufopfernde Helfer alle Furcht vergaßen und mit einfachen Ruderbooten den Schiffbrüchigen in der tosenden See zur Hilfe kamen!

       

Bilder von der Ausstellung "Aus Sturm und Not" in Bremen zum Geburtstag der DGzRS: Altes Ruderboot auf dem Pferdewagen, Seilwagen und Hosenboje um Menschen von gestrandeten Schiffen zu bergen (das Seil wurde zum gestrandeten Schiff geschossen).

Ich bezweifele das es irgendwo sonst auf der Welt eine solche Wrackdichte gibt wie in der Deutschen Bucht. Sie ist in dieser Region sicherlich noch deutlich höher als im Schnitt in der Ostsee, welche allgemein als das wrackreichste Meer weltweit gilt!
Sehr früh organisierten sich auch die Helfer und mögen die gestrandeten Schiffe auch oft ein "wirtschaftlicher" Glücksfall für die Küstenbewohner gewesen sein, so riskierten auch viele Männer ihr Leben um die Seeleute aus ihrer Not zu retten - besonders in der Anfangszeit starben hierbei auch viele Fischer und andere Küstenbewohner bei ihrem Einsatz für andere!

Zu finden gibt es in der Nordsee für uns Taucher heute eigentlich fast alles: Alte Frachtsegelschiffe, Fregatten, Kanonenboote, Dampfschiffe, U-Boote aus beiden Weltkriegen, Fischkutter, Anker, Container, Reste von Bohrinseln, Flugzeuge,......alles was Menschen einst gebaut und den Gewalten der See ausgesetzt haben, ist hier auch zu betauchen - jedoch, und dies macht die Nordsee nur für wenige Taucher zugänglich, sind die Bedingungen hierbei hart!
Strömung, Wind und Welle, Sicht, Schiffsverkehr und alte Fischernetze machen fast jeden Tauchgang hier zu einer kleinen Herausforderung an Mensch, Material und Logistik. Im Normalfall ist es erforderlich das Tauchschiff im richtigen Moment am Wrack liegen zu haben, nämlich dann wenn die Gezeiten wechseln und für einen Zeitraum von vielleicht 45 Minuten 2 bis 3 Mal am Tag das Tauchen im Stauwasser, von Tauchern auf den Britischen Inseln "slack-water" genannt, möglich ist!

Dicht vor den Mündungen von Elbe, Weser und Ems sind die Sichtweiten schlecht und können bei 0 Zentimetern liegen, weiter draußen und vor der dänischen Küste sind es immerhin meistens 5 Meter und mehr und mit Glück kann man auch Sichtweiten von 10 bis 15 Metern im deutschen Teil der Nordsee finden. Grundsätzlich kann man also zusammenfassen, dass die Nordsee deutlich höhere Anforderungen an den Taucher stellt, als dies ohnehin schon die meisten Regionen der Ostsee tun und dementsprechend für die meisten Taucher als Revier nicht in Frage kommt - wer jedoch allen Aufwand und die Kosten auf sich nimmt wird sicherlich mit extrem spannenden Wracktauchgängen belohnt werden!

       

Links: Eine Karte mit Strandungsstellen (die schwarzen Punkte!). Mitte: Vorläufer der modernen Rettungsweste. Rechts: Ein spezielles Gewehr um eine Leine zu einem havarierten Schiff zu schießen.

Nis Randers
Otto Ernst 1862-1925

Krachen und Heulen und berstende Nacht,
Dunkel und Flammen in rasender Jagd -
Ein Schrei durch die Brandung!
Und brennt der Himmel, so sieht mans gut.
Ein Wrack auf der Sandbank! Noch wiegt es die Flut;
Gleich holt sichs der Abgrund.

Nis Randers lugt - und ohne Hast
Spricht er: "Da hängt noch ein Mann im Mast;
Wir müssen ihn holen."

Da fasst ihn die Mutter: "Du steigst mir nicht ein:
Dich will ich behalten, du bliebst mir allein,
Ich wills, deine Mutter!

Dein Vater ging unter und Momme, mein Sohn;
Drei Jahre verschollen ist Uwe schon,
Mein Uwe, mein Uwe!"

Nis tritt auf die Brücke. Die Mutter ihm nach!
Er weist nach dem Wrack und spricht gemach:
"Und seine Mutter?"

Nun springt er ins Boot und mit ihm noch sechs:
Hohes, hartes Friesengewächs;
Schon sausen die Ruder.

Boot oben, Boot unten, ein Höllentanz!
Nun muss es zerschmettern ...! Nein, es blieb ganz ...!
Wie lange? Wie lange?

Mit feurigen Geißeln peitscht das Meer
Die menschenfressenden Rosse daher;
Sie schnauben und schäumen.

Wie hechelnde Hast sie zusammenzwingt!
Eins auf den Nacken des andern springt
Mit stampfenden Hufen!

Drei Wetter zusammen! Nun brennt die Welt!
Was da? - Ein Boot, das landwärts hält -
Sie sind es! Sie kommen! - -

Und Auge und Ohr ins Dunkel gespannt...
Still - ruft da nicht einer? - Er schreits durch die Hand:
"Sagt Mutter, 's ist Uwe!"

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