Mit Lupe und Kamera unterwegs im Baggersee 

Text und alle Fotos Sven Gust 2006/2007

Ich gebe es zu! Die Fauna und Biologie des Süßwassers sind für mich nur ein kleiner Ersatz in den Zeiten, wo ich nicht die Möglichkeit habe in den nordischen Meeren auf Fotopirsch zu gehen und das Tierleben zu dokumentieren, um anschließend zu versuchen mein Wissen über die abgelichteten Arten zu vertiefen.
Beschränkt man sich in Sachen Fauna in norddeutschen Baggerseen auf den Bereich der Fische, so ist das Thema häufig recht schnell abgehandelt. Zunächst einmal trifft man auf den Barsch, in allen Größen. Hinzu kommen wohl Hecht, verschiedene Weißfische, Aal, vielleicht Karpfen, Schleie, Wels und Zander. Hier ist dann aber meistens erst einmal Schluss.
Aber wie sieht es aus wenn man sich einfach allem was dem Reich der Tierwelt zugehört und eben noch mit der Kamera einzufangen ist zuwendet? Man wird vermutlich deutlich länger zu tun haben, so manche Überraschung erleben und weit mehr Probleme haben verständliche Informationen zu den Tierchen zu finden - so jedenfalls ist es mir in den letzten Monaten immer wieder ergangen!

  

Eine relativ große Schnecke und eine Süßwassergarnele, ursprünglich aus dem Mittelmeergebiet stammend.

Irgendwie begann alles mit einem See, der keine fünf Minuten von meinem Wohnsitz in Bremen-Nord ausgehoben wurde. Zunächst einmal mangelte es hier noch an Bewuchs und Tierleben, aber schon kurze Zeit später lockt er mit einzigartigem Pflanzenbewuchs von bis zu drei, vier Metern Höhe und unglaublicher Dichte. Auch die Sichtweiten sind saisonal mit bis zu sieben, oder auch mal neun Metern nicht schlecht für norddeutsche Verhältnisse. Zudem ist er nicht tief und bietet so einer Vielzahl verschiedener Tiere nicht nur einen attraktiven Lebensraum entlang der Uferzonen, sondern auf ganzer Fläche.
Schnell wurden hier Nachttauchgänge für mich besonders interessant, konnte man doch dann eine Menge kleiner Barsche, Hechte und seltener auch Plötzen (Rotaugen) und Steinbeißer (eine Schmerlenart) sehen. Auch Süßwassergarnelen, verschiedene Schnecken, Würmer, Polypen, Schwämme, Insekten, Ruderfußkrebse, Asseln und Moostierchen gibt es zu bestaunen (wenn einen denn so etwas zu erstaunen vermag!), aber das fand ich erst deutlich später heraus.

           

Links ein Süßwasserschwamm, wie man ihn häufig sieht. Rechts ein Strudelwurm.

Ein zweiter, nicht unwesentlicher Faktor, der mich immer weiter in diese spannende Miniaturwelt vordringen ließ war die Unterwasserfotografie und der Wunsch, nicht nur recht alltägliche Motive abzulichten. Klar kann man immer wieder spannende Hechtfotos machen, zusammen mit einem Taucher, oder auch mal mit erbeutetem Fisch im Maul, ein Schwarm barsche im Freiwasser mit aufgestellten Flossen, oder eine Nahaufnahme vom scheuen Aal.
Aber richtig spannend ist es doch auf den Foto nach dem Tauchgang Tiere zu sehen, die man unter Wasser kaum erkennen kann! Winzige Bewohner, die häufig die Nahrungsgrundlage für den Fischbestand darstellen und in der Verwertung von toten Organismen und Pflanzen eine wichtige Rolle spielen.
Somit muss man zwangsläufig versuchen so weit wie möglich in den Makrobereich vorzudringen und trifft dabei schnell auf gewisse Probleme, die der normaler Unterwasserfotograf eher nicht in diesem Ausprägungen kennt. Neben extrem feiner Tarierung um die kleinen Lebewesen nicht einfach wegzuwedeln, oder sich in einer Sedimentwolke verschwinden zu lassen, muss auch das Auge des Fotografen überhaupt erst einmal entsprechende Motive entdecken. Auch die technische Ausrüstung muss passen und ich musste erst einmal in teure Vorsatzlinsen investieren um überhaupt diese Fotos machen zu können (und eigentlich könnte ich hier noch gut weiter investieren). Dies variiert aber natürlich von Kamera zu Kamera und einige Modell schaffen es möglicherweise auch mit dem externen Blitz im Supernahbereich gute Ergebnisse zu liefern, oder mit entsprechendem Zoom auch im Nahbereich noch scharfe Bilder zu machen.

   

Von links nach rechts: Eine auffällig rot gefärbte Süßwassermilbe, eine bereits gemaserte Kaulquappe, ein Fischegel hat einen jungen Hecht befallen.

Nun aber zum Tierleben! Im Prinzip gibt es so recht viele Gruppen von typischen Meeresbewohnern auch im (heimischen) Süßwasser. Neben Muscheln und Schecken, können wir Medusen (Quallen), Polypen, Moostierchen, Platt- und Ringelwürmer, Garnelen, Krebse und Schwämme. Natürlich ist die Artenvielfalt häufig deutlich enger begrenzt als wir es aus dem Salzwasser kennen, so ist es ja schließlich auch bei den Fischen. Aber dafür finden wir im Süßwasser zusätzlich noch eine ganze Reihe von Insekten, welche entweder ein Larvenstadium, oder aber ihr ganzes Leben hier verbringen!

Links Libellenlarve. Rechts ein große Teichmuschel.

Ein nicht unbedeutender Teil unserer heutigen Süßwasserfauna (und auch -flora!) besteht aus eingeschleppten Tieren. Relativ prominente Vertreter dieser Bioinvasoren sind beispielsweise der Sonnenbarsch, der Amerikanische Flußkrebs, die Zebra-, oder auch Wandermuschel und die Chinesische Wollhandkrabbe. Weniger Bekannt sind hingegen die Süßwassermeduse und verschiedene Süßwassergarnelen.
Häufig richten diese Arten Schaden an, in dem sie einheimische Arten verdrängen. Aber auch wirtschaftlicher Schaden, beispielsweise im Falle der Zebramuschel, welche bei massenhaftem Auftreten Rohrleitungen und Grabenverbindungen fast komplett verschließen kann, oder der Wollhandkrabbe, welche Schäden an Deichen anrichtet, wenn sie dort Gänge gräbt.

Links ein Amerikanischer Flusskrebs. Rechts eine Kolonie Süßwassermoostierchen.

Zurück zu den kleinen und ganz kleinen Lebewesen! Mancher mag schon einmal bei einem Nachttauchgang im Schein der Lampe bemerkt haben was sich dort alles tummelt. Dieses Zooplankton lässt sich jedoch kaum mit bloßem Auge unterscheiden und ebenso wenig fotografieren. Mehr Glück wird man aber haben wenn man am Boden gezielt sucht. Normalerweise kann es in keinem Gewässer mehr als einige Sekunden dauern bis man irgend einen Wurm, ein Krebstier, oder Insekt findet. Hierbei beziehe ich mich jedoch auf den Uferbereich und nicht die oft recht kargen und mit Faulschlamm überzogenen tieferen Bereiche!
Gar nicht selten und weit verbreitet zu finden sind auch Moostierchen und Polypen, wenn man weiß wonach man sucht. Ansonsten kann man vielleicht gerade die Moostierchen für Laich halten und die Polypen ganz übersehen.
Schwämme sind da häufig leichter zu finden und treten auch im Süßwasser in verschiedenen Formen und Farben auf. Ebenso kann man auch mit wenig geschultem Auge verschiedene Muscheln und Schnecken finden, wobei gerade hier einige Arten meistens im Boden vergraben sind.
Flusskrebse (leider heute in den meisten Fällen der Amerikanische Flusskrebs, welche als immuner Träger der Krebspest den Europäischen Edelkrebs weiträumig ausgerottet hat) und die Wollhandkrabbe kommen nicht überall vor, bzw. führen oft auch ein sehr heimliches Dasein. Sie sind jedoch nicht besonders klein und leicht zu entdecken, wenn vorhanden.
Recht schwierig zu entdecken sind hingegen meistens die verschiedenen Platt- und Ringelwürmer, welche einerseits recht klein sind, andererseits zudem auch häufig im Sediment, oder zwischen abgestorbenen Pflanzenteilen leben.
Süßwassermilben sind häufig leuchtend rot gefärbt und somit, trotz der geringen Größe, ziemlich gut zu entdecken. Es gibt sie jedoch auch in weit weniger auffälligen Färbungen. Die verschiedenen Arten lassen sich wohl nur von echten Fachleuten unter dem Mikroskop unterscheiden!
Was man auch sehen kann sind Mückenlarven, die recht großen und räuberischen Libellenlarven, Köcherfliegenlarven mit ihren mobilen Wohnröhren aus Pflanzenteilen, oder Sandkörnern und Kaulquappen als vorübergehende Bewohner des Sees. Sie alle verbringen hier einen Lebensabschnitt um dann, nach einer Metamorphose ihr Leben an Land zu verbringen.

Es wäre zu umfangreich hier alles im Detail zu beschreiben und aufzuführen. Aber ich denke das dieser kleine Ausschnitt bereits beweist das es im Tümpel um die Ecke weit mehr zu entdecken gibt als nur einige Fische. Und auch in Gewässern, in denen es auf den ersten Blick "nichts zu sehen gibt", kann ein zweiter Blick durchaus lohnen.
Natürlich wird sich hiervon nur ein recht bescheidener Teil der Baggerseetaucher angesprochen fühlen, vermutlich aber ein recht großer Teil derjenigen Taucher, die bis hierher weiter gelesen haben. Die meisten anderen schmunzeln eher darüber, oder können dem nichts abgewinnen. Gerade für routinierte Taucher, die gerne viel Zeit unter Wasser verbringen finden sich aber hier interessante Möglichkeiten immer wieder etwas neues zu entdecken - eben täglich und nicht nur im Urlaub!

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