Flasche leer: Independent versus Brücke 

Die Flaschen auf dem Rücken liefern uns unter Wasser die lebensnotwendige Luft zum atmen. Sie sind beim Gerätetauchen unentbehrlich wie kaum ein anderer Ausrüstungsgegenstand, dennoch machen sich viele Taucher erstaunlich wenig Gedanke darüber wie man es sicherstellen kann immer genug von dem (über-)lebenswichtigen Stoff aus dem Druckbehälter in die Lungen zu bekommen. Auch hierdurch bedingt kommt es immer wieder zu tödlichen Unfällen die häufig nicht so passieren müssten! 

"Das Wasser hatte an der Oberfläche noch satte 10°C gehabt, hier unten sind es nur noch 4 bis 5. Der Grund fällt hier Stufenweise ab und recht schnell ist die Tiefe von 40 Metern erreicht. Unser Ziel liegt noch etwas weiter unten, vor uns im tiefen Schwarz. Die starken Lampen vermögen nur den unmittelbaren Nahbereich aufzuhellen, bevor das Licht wenige Meter darauf von den Schwebpartikeln nach und nach abgefangen wird. Wir tauchen möglichst schnell ab, da wir einige Minuten auf einer Tiefe von 55 Metern verweilen wollen. Als mein Tauchpartner etwa zwei Meter unter mir ist explodiert aus der zweiten Stufe meines Cyklon 5000, den ich gerade atme, plötzlich ein Blasenschwall!
Augenblicklich bremse ich den Sinkflug. Eine Wand aus wild brüllender Luft rast zur Oberfläche, direkt vor meinem Gesicht raubt mir vollständig den Blick. An einem elastischen Gummizug (von DIR-Tauchern abgeguckt!) um den Hals befindet sich die zweite Stufe eines weiteren, vollkommen unabhängigen und identischen Atemreglers. Ich nehme den ausgefallenen Regler aus dem Mund und atme nun aus dem zweiten System, welches vollkommen gleichwertig ist. In diesem Moment ist die Situation eigentlich schon vollkommen im Griff, langsam trete ich den Rückzug an. Mein Tauchpartner hat in diesem Moment bemerkt das etwas hinter ihm nicht stimmt und folgt mit. Kurz darauf schließt er das Ventil der abblasenden Flasche (nachdem wir doppelt und dreifach abgesichert haben das er sich auch an dem richtigen Ventil zu schaffen macht!), damit sie nicht vollständig entleert. Währe ich allein gewesen, so hätte ich mich in eine angenehme Tiefe begeben und das Ventil selbst geschlossen - natürlich besteht dann die Gefahr, dass sich zu diesem Zeitpunkt keine Luft mehr in der Flasche befindet, oder sogar schon Wasser eingedrungen ist. Auch wenn das, gerade im Salzwasser, im nachhinein Arbeit und Ärger bedeutet, so ist es doch in der Situation selbst fast belanglos."
Vornehmliches Ziel sollte es sein die Situation nun so zu gestalten, dass es nicht zu einer Kette von Verknüpfungen kommt, welche möglicherweise mit einem Unfall endet! Anders als bei dem Leichtsinn und allgemeinen gesundheitlichen Problemen, würde ich behaupten wollen das technische Probleme eigentlich fast immer nur in einer langen Kausalitätskette, meistens kombiniert mit dem Faktor Panik, zu schweren Unfällen führen - anders gesagt, wer durch technische Probleme einen Unfall beim Tauchen erleidet hat meistens im Vorfeld versäumt das "Was-wäre-wenn-Spiel" ausreichend im Kopf durchzuspielen!
Andererseits habe ich auch schon Taucher erlebt, die technisch durchdacht ausgerüstet dennoch nicht in der Lage waren kleinere und mittlere Probleme vernünftig und ruhig zu beheben und den Tauchgang sicher zu einem kontrollierten Ende zu bringen. Panik tritt bei allen Menschen, früher oder später auf und ist letztlich der einsam an der Spitze stehende Auslöser für Tauchunfälle!

"Der Tauchgang wird in aller Ruhe mit einem ausgedehnten Sicherheitsstopp beendet. In der 7-Liter Flasche, aus der ich nach dem Zwischenfall geatmet habe, sind noch knapp 100 bar geblieben als wir nach diesem 20-minütigen Tauchgang aus dem Wasser steigen. Das Ventil der zweiten Flasche, an welcher die erste Stufe scheinbar vereist war, lässt sich nun wieder normal öffnen und der Regler funktioniert als wenn nichts gewesen wäre. In dieser Flasche ist nur noch ein Restdruck verblieben. Da in den Regler vermutlich Wasser eingedrungen ist, nachdem der Innendruck nicht mehr vorhanden war, werde ich ihn komplett reinigen und trocknen müssen..... zum Glück ist es ja aber nur Süßwasser gewesen!“

Independent = Unabhängig!

Bereits auf der Rückfahrt spiele ich die Situation immer wieder im Kopf durch und komme zu der Überzeugung das sich die Konfiguration meiner Ausrüstung in dieser Situation bestens bewährt hat. Ich konnte zu keinem Moment Panik verspüren (etwas aufgeregt war ich natürlich zwangsläufig), was wohl der Tatsache zu verdanken war, dass das Wechseln der Atemregler für mich ein so vertrauter Vorgang ist wie es nur das Tauchen mit zwei getrennten Flaschen mit sich bringen kann. Somit bin ich bei jedem Tauchgang gezwungen mehrfach die Regler zu wechseln und es ist für mich zu einer Handlung geworden die einfach zum Tauchen gehört wie das Tarieren, oder Schwimmen.
Ferner ist das Wissen auch immer ausreichend Luft für den Aufstieg zu haben, selbst wenn man es nicht schafft die abblasende erste Stufe, bzw. das entsprechende Ventil zu schließen ein ungemeiner psychologischer Vorteil.

Das es zu der Vereisung selbst kam führe ich auf meine Nachlässigkeit zurück, möglicherweise war die erste Stufe innen feucht.... genau werde ich es nie erfahren, aber seither bereitete der besagte Regler mir keine Probleme. Sicherheitshalber wechsele ich auch bei meinem Kompressor die Filterpatronen, allerdings kann es daran nicht gelegen haben. Als ich die Flasche öffne kann ich keine sichtbare Feuchtigkeit feststellen, dennoch trockne ich sie innen gründlich mit der Heißluftpistole aus.

Wie funktioniert das System genau?

Der Aufbau eines komplett getrennten Doppelpacks ist ja eigentlich denkbar einfach. Entweder ist das Innenvolumen der Tanks in keinster Weise verbunden, oder es befindet sich eine absperrbare Brücke dazwischen, welche aber (außer beim Füllen) ständig geschlossen bleibt. Zweites System würde ich empfehlen wenn Mischgase in Heimarbeit hergestellt werden, da man somit in beiden Flaschen exakt das gleiche Mischverhältnis erreichen kann, was bei getrennten Flaschen entweder doppelte Arbeit bedeutet, oder die Anschaffung einer erweiterten Füllarmatur bedeutet!
Füllt man nur Luft ist die Brücke höchstens einmal zum Überströmen gut, wenn mit den Flaschen zwei Tauchgänge gemacht werden und keine gleichmäßige Verteilung der Luft nach dem ersten Tauchgang vorhanden ist. Die Reglerschläuche der jeweiligen Flaschen müssen unbedingt entsprechend von links undrechts über die Schulter laufen – alles andere verwirrt nur und könnte leicht dazu führen das man das falsche Ventil schließt und sich somit bei einer Vereisung selbst von der noch funktionierenden Luftversorgung abschneidet!

Will man sozusagen einen Regler „von links“ und den anderen „von rechts“ atmen kommen nicht alle Modelle hierfür in Betracht. Die Modelle von Poseidon (Cyklon 5000, Jetstream und X-stream) lassen sich immer und überall von allen Seiten atmen (ohne Umbau) und sind hierdurch, meiner Meinung nach, besonders geeignet. Natürlich gibt es aber auch viele andere Möglichkeiten. Bei Neukauf sollte man aus verschiedenen Gründen möglichst zwei identische Regler auswählen!
Beide ersten Stufen müssen über ein Finimeter verfügen, die Inflatorschläuche sollte man möglichst gleichmäßig verteilen. Wenn die Anschlüsse an Jacket und Trocki identisch sind hat man den großen Vorteil bei Bedarf Wechsel vornehmen zu können (z.B. vom Jacket auf den Trocki beim Aufstieg). Die zweiten Stufen sollten zudem ruhig am Jacket (mittels eines möglichst kurzen Leinenstücks mit kleinem Karabinerhaken), oder einer auch direkt am Hals (wie oben beschrieben) fixiert werden. Soll einer dieser Regler zusätzlich als Oktopus dienen, so muss er sich natürlich entsprechend leicht komplett lösen lassen!
Sind die Regler am Jacket, oder um den Hals befestigt (hier natürlich nur einer von beiden!), so weiß man immer wo man suchen muss. Außerdem kommt so weniger Dreck an das Mundstück und in den Innenraum der Zweiten Stufe. Übergegangen bin ich hierzu allerdings noch aus einem anderen Grund: Bei einer Tauchtour im Kattegat und Skagerrak, stiegen wir immer an den Sinkerleinen vom Wrack auf und hingen hier in teils recht heftigen Oberflächenströmungen unsere Dekozeiten ab. Mit der Strömung treibende Riggs waren nicht erwünscht und verfügbar und so musst man das Beste aus der Sache machen. Hierbei bemerkte ich, dass man teilweise nur sehr schwierig an alle Ausrüstungsgegenstände herankam, die nicht wirklich gut greifbar vor Brust, oder Bauch fixiert waren. Natürlich sollte man aber auch hier immerhin auf alle Regler zugreifen können. Ein kurzes Stück geflochtener Nylonleine und ein kleiner Karabinerhaken, befestigt an zweiter Stufe und Jacket D-Ring schafften wirkungsvolle Abhilfe!

Nachteile 

Ich denke das die Vorteile das Systems bereist ausreichend hervorgetreten sind, deshalb möchte ich sie hier nicht nochmals auflisten und lediglich kurz auf mögliche Nachteile eingehen.

Für mich selbst hat das System eigentlich nur einen Nachteil, den ich  bei einigen Tauchgängen im Inneren von (Kriegs-)Wracks und im Sommer speziell in der Ostsee hin und wieder bemerke: Ein Atemregler befindet sich immer außerhalb des Mundes, muss aber meistens kurze Zeit später in eben jenen Mund gesteckt werden! Da sich aber in der Zwischenzeit Verschmutzungen wie Quallennesseln, Schwerölreste, oder auch Schlamm mit chemischen Rückständen (Munition!) festgesetzt haben könnten, muss man immer ein Auge auf das Mundstück werfen, bzw. ihn grob reinigen und mögliche Schlammablagerungen ausschütteln....... wenn im Sommer die Feuerquallen explosionsartig in der Ostsee auftauchen wird es sich nicht vermeiden lassen hierdurch ein leichtes Kribbeln auf der Zunge zu bekommen, da selbst optisch saubere Regler meistens noch Nesselreste an sich tragen! Hier müssen natürlich gerade Menschen die möglicherweise allergisch reagieren vorsichtig sein, ansonsten besteht wohl kaum ein Grund zur Besorgnis. In extremen Situationen, beispielsweise wenn man gerade im Inneren eines Wracks nach "Schätzen" wühlt und die Hand nicht mehr vor Augen sehen kann, sollte man möglichst auf den Wechsel des Atemreglers verzichten. Im Prinzip ist es natürlich erstrebenswert den Druck in beiden Tanks immer möglichst gleich zu halten - also alle 50 bar, oder in diesem Bereich, zu wechseln. Hier sollte man dann aber doch versuchen auf einen Wechsel zu verzichten, bzw. diesen erst wieder im Freien und nach einer etwas gründlicheren Reinigung des Reglers durchzuführen!
Bedenkt man die Alternative, nämlich einen Oktopus um den man sich nicht kümmert, und der im Moment der größten Not des Tauchpartners vielleicht gerade voll von Quallennesseln, Dreck und Bakterien ist, so relativiert sich dieser Nachteil aber auch zu einem gewissen Teil und für viele Taucher, die sich ohnehin nicht in solche Situationen und Gewässer begeben ist dieser Faktor ohnehin belanglos.

Ein weiterer „Nachteil“ kann es sein das bestimmte Personen Hemmungen dabei haben den Regler im Wasser zu wechseln.......... da diese Menschen in einer Luft-Notsituation ohnehin leicht verunfallen werden, weil sofort Panik im Spiel ist, kann man als wirklichen Nachteil in dieser Hinsicht wohl eher den Faktor Komfort als Sicherheit ins Spiel bringen! Fakt ist auch das man sich mehr auf die ständige Kontrolle der Ausrüstung beim Tauchgang konzentriert, als wenn man „einfach so vor sich hin atmete“. Die zwangsläufige ständige Kontrolle der Luftvorräte (normalerweise wechselt man ja  schließlich alle 50 bar, o. ä.) führen zu einem besseren Überblick und größerer Vertrautheit mit der Ausrüstung. Das Wechseln der Atemregler ist ein vertrauter Bestandteil des Tauchganges und wird in einer Notsituation kaum Auslöser für Unsicherheit und Panik werden!
Hiergegen muss man in aller Fairness allerdings auch gegen rechnen, dass es unter Umständen einmal beim routinemäßigen Atemreglerwechsel zu einem Zwischenfall kommen kann - als aspirieren von Wasser, oder Gegenständen. Dies lässt sich jedoch mit entsprechender Sorgfalt vermeiden. Diese gesteigerte Konzentration kann sich möglicherweise ebenfalls positiv auf den gesamten Ablauf, bzw. Tauchgang auswirken.

Fazit 

Natürlich kann ich nur meine Meinung und meine Erfahrungen mit dem System als Grundlage für diesen Bericht nehmen. Entsprechend wird auffallen das ich natürlich eindeutig ein Fan dieser, eher exotischen Konfiguration, bin. Ich habe sie bei schätzungsweise 1000 Tauchgängen so verwendet.... bei Flaschengrößen zwischen vier und 12 Litern. Ob es bei kleinen Flaschen Sinn macht, lasse ich mal dahingestellt.
Dieses System ist im Alltag vielleicht unbequemer als das Atmen aus einem vergleichbaren Doppelpack, verbunden mit einer offenen Brücke. Einige Male kam ich allerdings schon aus dem Wasser und war dankbar dafür dieses System zu verwenden. Zuhause öffnete ich dann die erste Stufe und entfernte das Flaschenventil, kontrollierte alles und trocknete es vorsichtig mit der Heißluftpistole.
Hätte ich die Situation mit einem Doppelventil auch so gut bewältigt..... mit dem Wissen jede Sekunde die ich verliere, verliere ich Luft aus der einzigen Stahlflasche, die mich hier unten am Leben erhält?! Wenn sie leer ist, dann bleibt noch die Luft in meinen Lungen und der Weg zur Oberfläche ist vielleicht noch weit!

Doppelventil ist besser als Monoventil, Ponyflasche ist besser als Doppelventil, Independent ist besser als Ponyflasche!

 

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