
Es ist früher Nachmittag als plötzlich fünf oder sechs britische Mosquito Jagdbomber den deutschen Dampffrachter Gudrun und die beiden Unterseebootjäger UJ 1706 und UJ 1767 angreifen. Leere Hülsen der 20mm Geschütze regnen vom Himmel und der Angriff ist ebenso plötzlich vorbei wie er begonnen hat. Es ist der 10. Dezember 1944.

Die Mannschaft wird von der heftigen Attacke unvorbereitet
getroffen und umgehend flüchten viele Seeleute in den Rettungsbooten an
Land. Einige jedoch verharren im Schutz der Aufbauten an Bord und sie sind es,
die nach dem Angriff das sinkende und brennende Schiff bei Abelnes stranden. Die
Gudrun liegt hier, größtenteils von Wasser bedeckt, bis zum Kriegsende.
Erst
eineinhalb Jahre nach Ende des Krieges wird eine Privatperson aus Oslo das Wrack
kaufen um es abzutransportieren und zu reparieren. Er stellt Leute aus der
Umgebung ein um für ihn zu arbeiten. Zunächst wird die Ladung aus Munition und
Zement vom Wrack abgeborgen und im Fjord versenkt. Anschließend werden aus
Stavanger vier große Schwimmkörper antransportiert, um sie am Wrack zu
befestigen und es so schleppfähig zu machen.
Es war vorgesehen das Schiff so
mit mehreren Schleppfahrzeugen (kleinen Fischerbooten) langsam nach Flekkefjord zu ziehen, wo es in ein
Trockendock gebracht werden sollte. Scheinbar ging es dann aber doch nicht
schnell genug, denn man bat um die Hilfe eines norwegischen Marinefahrzeugs
(ehemalige Fahrzeuge der Kriegsmarine lagen in der Nähe um Minenfelder zu
räumen, darunter auch ein Schlepper).
Schnell wurde eine Trosse gespannt und das militärische Fahrzeug nutzte
scheinbar die volle Leistung der Maschinen, was dazu führte das man nur
Augenblicke später hektisch die Verbindung zu dem sinkenden Schiff kappen
musste.

So gelangte scheinbar das Wrack des 1.485 BRT großen Dampfschiffs Gudrun (gebaut 1923 in Stettin, Oderwerke AG. 70,5 x 11,1 x 4,6 m. 650 PSI Dampfmaschine) an seine letzte Ruhestätte, aufrecht und in Hanglage in etwa 30 bis 45 Metern Tiefe, wobei der höchste Mast sogar noch immer bis auf etwa 15 Meter aufragt. Den gewaltigen Propeller findet man in einer Tiefe von etwa 35 Metern noch an seinem Platz. Den Achtersteven mit einem großen Steuerrad kann man in weniger als 30 Metern Wassertiefe betauchen. Gewöhnlich befindet sich eine Boje am aufragenden Mast und wenn man hier abtaucht kann man sehr viel vom Wrack sehen, ohne tiefer als 35 Meter tauchen zu müssen!
Bereits Tauchberichte aus den achtziger Jahren sprechen
davon, dass die Wrackposition offenbar schon lange zuvor als Platz zur
Schrottentsorgung genutzt wurde. So kommt es das bereits zu diesem Zeitpunkt
Motoren, Autoteile und viel kleiner Schrott auf dem Wrack zu finden war und auch
heute noch ist - und es kommt offenbar immer mehr dazu (bei unserem Besuch
konnten wir zwischen den Aufbauten u.a. Autobatterien, einen Einkaufswagen und
einen Betonmischer finden). Diese Tatsache zerstört das Taucherlebnis leider
gründlich und allein dies reicht aus um das Wrack für mich in die
Zweitklassigkeit abrutschen zu lassen!
Als ein weiteres Manko würde ich
persönlich auch den mangelnden Bewuchs bezeichnen, wobei immerhin die Masten
schön mit Seenelken, Seescheiden und Schwämmen bewachsen sind. Ansonsten fehlt
dem Wrack hier und da mal ein bunter Klecks, wie man es zumeist von den Wracks
weiter nördlich kennt.

Für norwegische Verhältnisse wird das Wrack extrem stark
betaucht. Segen und Fluch zugleich ist die gute Erreichbarkeit, liegt die Gudrun
doch nur etwa 150 Meter von der Küste und kaum weiter vom nächsten Hafen
entfernt. Würde sie unzugänglicher liegen, so wäre ihr vielleicht der ganze Müll
erspart geblieben, während andererseits eine geringere Anzahl von Tauchern noch
einen Restbestand von originalen Details am Wrack belassen hätte!
Mir
entstand der Eindruck das es sich, für norwegische Verhältnisse, um ein
gründlich geplündertes Wrack handelt. Um nach Kleinteilen zu suchen, sollte es
selbst in dieser Region deutlich bessere Ziele geben.
N 58.14,345 E 006.39,085. Markiert mit einem grauen Kanister (Stand 2008)


